Roman Kowalew von der Dovgan GmbH
Der Mann hinter der neuen Dovgan-Offensive
Mit 39 Jahren verantwortet Roman Kowalew bei der Dovgan GmbH gleich mehrere Schlüsselbereiche – darunter das Spirituosengeschäft. Dabei denkt er längst über den Handel hinaus. Seine Vision: Dovgan soll zum Impulsgeber für Bars und Gastronomie werden – mit starken Marken und kreativen Konzepten. Telse Prahl hat den Senior Key-Account-Manager zum Gespräch getroffen.
Es ist ein heißer Vormittag im Juni, wir sind bei Dovgan in Billbrook, im Osten Hamburgs, zum Interview verabredet. An der Wand des Konferenzraums hängt ein Modell des neuen Firmensitzes in Harburg. Der Umzug steht unmittelbar bevor, es gibt viel zu tun. „Die Lagerkapazitäten reichen nicht mehr – das entspricht nicht mehr unseren Entwicklungen bzw. den Plänen für die Zukunft“, erklärt Roman Kowalew. Womit wir gleich beim Thema wären, denn alle Zeichen stehen auf Expansion, auf Wachstum. Dovgan erwirtschaftet aktuell rund 250 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. Kowalews ehrgeiziges Ziel: Langfristig soll daraus eine Milliarde werden.
Im Austausch mit Roman Kowalew wird schnell klar: Hier kennt einer die Branche in- und auswendig, hat eine klare Vorstellung davon, wohin sich sowohl der Einzelhandel als auch die Getränke- und Gastronomiewelt entwickelt. Dabei wirkt der 39-Jährige alles andere als abgehoben. Vielmehr wie jemand, der seit Jahren Verantwortung trägt und genau weiß, was er will.
Sein Vater, Andre Kowalew, leitet nach wie vor die Geschäfte. „Mein Vater ist der aktivste Mensch, den ich kenne“, lacht Roman Kowalew. „Er hat sich gerade für einen Halbmarathon angemeldet und trainiert jetzt dafür. Er ist Herz und Seele des Unternehmens.“ Dass Vater und Sohn gemeinsam an der Zukunft arbeiten, versteht sich für Kowalew von selbst. Gleichzeitig schätzt er das Vertrauen, eigene Entscheidungen treffen zu können. Seit 2007 ist Roman Kowalew Teil des Familienunternehmens. Nach seinem Bachelor in Business Administration an der HSBA Hamburg absolvierte er den Master „Management of International Business“, zum Teil im französischen Grenoble. Seine Masterarbeit schrieb er bereits im Unternehmen, seither ist er durchgehend bei Dovgan tätig. Heute leitet er das Brand- und Produktmanagement.
Von der Kultmarke zum Osteuropa-Experten
Die Geschichte der Dovgan GmbH in Deutschland beginnt 1998 – die Wurzeln reichen jedoch weiter zurück. Namensgeber war Wladimir Dovgan, er gehörte zu den ersten Unternehmern der postsowjetischen Zeit. Während es in der Sowjetunion kaum Marken gab, machte er seinen eigenen Namen zum Qualitätssiegel. Produkte unterschiedlichster Hersteller trugen plötzlich das Dovgan-Logo und wurden in den Ländern der ehemaligen UdSSR schnell zu einer bekannten Marke mit hohem Wiedererkennungswert. Als Andre Kowalew Mitte der 1990er Jahre nach Deutschland kam, wollte der gelernte Zahnarzt eigentlich in seinem Beruf arbeiten. Stattdessen erkannte er eine Marktlücke: Russische und osteuropäische Lebensmittel fehlten in deutschen Supermärkten. Die Familie sicherte sich die Markenrechte für Europa – und brachte die ersten Dovgan-Produkte in den Handel. Spirituosen gehörten von Beginn an dazu, das Sortiment bestand zunächst ausschließlich aus Wodka. „Wodka gehört zu unseren Ursprüngen, zu unserer DNA.“ Bis heute sieht Kowalew darin die größte Kompetenz des Unternehmens. „Wenn Kunden Fragen zu Wodka haben, können sie jederzeit anrufen. Dafür sind wir Spezialisten. Das ist unser USP.“
Diese Glaubwürdigkeit half auch bei der Entwicklung internationaler Marken. Den Premium Wodka Beluga beispielsweise baute Dovgan seit 2010 von Null in Deutschland auf. „So wie man Grey Goose mit Frankreich oder Belvedere mit Polen verbindet, verbindet man Beluga mit Osteuropa. Heute musst du authentisch sein, wenn du etwas verkaufen willst.“ Authentizität ist ein Schlüsselbegriff für Kowalew. Rund zwölf Millionen Menschen mit osteuropäischen Wurzeln leben in Deutschland – die größte Ethno-Community des Landes. „Osteuropäer sind sehr markentreu. Wir sind stolz auf die Marken, die wir von früher kennen.“ Genau diese Treue macht das Segment für den Handel so attraktiv. Doch Kowalew denkt längst über den klassischen Osteuropa-Markt hinaus.
Warum Bars heute mehr brauchen als gute Drinks
Ein wichtiger Wachstumsmarkt, den Dovgan künftig stärker ins Visier nehmen will, ist die Gastronomie. Auch wenn Wodka nach wie vor die absatz- und umsatzstärkste Spirituose ist, haben sich die Rahmenbedingungen verändert. Trends wie Fitness, leichtere oder alkoholfreie Alternativen und ein verändertes Freizeitverhalten beeinflussen den Markt. „Für Bars stellt sich eine andere Frage: Warum sollten Gäste überhaupt noch ausgehen? Seit Corona können sich die Leute jederzeit selbst einen Drink mixen. Das Equipment steht zu Hause“, gibt Kowalew zu bedenken. Für ihn liegt die Antwort deshalb nicht im Getränk allein, sondern im Erlebnis. „Die Leute wollen heute einen Mehrwert. Eine coole Deko, Live-Musik, vielleicht einen Cocktailkurs oder einen Comedian. Das bringt die Menschen zusammen. Einfach nur geöffnet zu haben, reicht nicht mehr.“
Und hier setzt die neue Gastro-Strategie von Dovgan an. „Wir möchten für Gastronomen der Ansprechpartner für spannende Konzepte sein, die die Gäste in sein Objekt bringen.“ Dabei versteht Kowalew jedes Objekt als individuelle Aufgabe. „Wir kommen nicht mit fertigen Konzepten. Wir schauen zuerst: Was ist das für eine Bar? Wo liegt sie? Wer sind die Gäste? Danach entwickeln wir Ideen.“ Diese Ideen reichen weit über klassische Tastings hinaus. Entsprechend ist das Unternehmen dabei, seine Außendienstmannschaft gezielt auszubauen und in kreative Konzepte, statt in klassische Produktpräsentationen zu investieren. Vier Mitarbeitende kümmern sich bereits ausschließlich um den Gastronomiebereich, weitere sechs sollen bis Jahresende dazukommen.
Wodka als Erlebnis
Es geht Kowalew um Konzepte, die für Wodka geeignet sind. Das kann ein besonderes Ritual sein, wie bei Beluga Gold Line. Hier beginnt das Erlebnis bereits am Tisch: Das Wachssiegel der Flasche wird mit einem kleinen Hammer geöffnet, anschließend werden die Wachsreste mit einem Pinsel entfernt. Ein Ritual, das Aufmerksamkeit erzeugt und neugierig macht. Ebenso funktioniert Food Pairing. Statt Erdnüssen oder Chips bevorzugt Kowalew die Tradition des „Sakuska“ – der Genuss von kleinen salzigen Begleitern wie eingelegten Gurken, Fisch-Tatar oder Kaviar. Der Appell dahinter: „Probier Wodka doch einmal auf osteuropäische Art.“
„Das entsprechende Equipment bekommt der Gastronom von uns gestellt“, so Kowalew. Einen Schritt weiter geht das Unternehmen mit den „Siberian Nights“ – der Markenwelt des Wodkas Siberian Express. Hier verwandelt sich eine Location in die Transsibirische Eisenbahn. Gäste erhalten beim Einlass ein Ticket, Kellner treten als Schaffner auf, eine Schneemaschine sorgt für frostige Fotomotive. Auch komplette Après-Ski-Welten mit Hütten, Möbeln und Fellen sind denkbar. „Es geht darum, Geschichten zu erzählen. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.“
Die Wurzeln bleiben – der Blick geht weiter
Im Fokus der Gastro-Offensive stehen Marken wie Beluga, White Birch, Siberian Express und Five Lakes, dazu Badel für die Balkan-Community sowie Krupnik und Soplica für den polnischen Markt. Gleichzeitig erweitert Dovgan sein Portfolio bewusst über Osteuropa hinaus. „Mit Konkani wurde ein eigener Mango-Gin sowie ein Aperitif-Likör entwickelt – inzwischen auch alkoholfrei. Noch in diesem Jahr folgt zudem ein koreanischer Soju der Marke 8Panda. Selbst alkoholfreier Sekt gehört inzwischen zu unserer Strategie“, zählt Kowalew auf. Sein Anliegen ist es nicht, Trends hinterherzulaufen, sondern Zielgruppen zu verstehen und neue Potenziale zu erschließen.
Dabei achtet das Unternehmen auch auf politische Entwicklungen. Seit Beginn des Ukraine-Krieges bezieht Dovgan keine Waren mehr aus Russland. Beluga wird heute mit Alkohol aus dem Baltikum hergestellt und in Montenegro abgefüllt, White Birch und Siberian Express stammen aus Kasachstan. „Food war immer apolitisch“, bemerkt Kowalew. „Es war noch nie so, dass Politik sich auf Lebensmittel oder Getränke ausgewirkt hätte. Das ist zum ersten Mal so – und da mussten wir drauf reagieren.“
Parallel wächst das Unternehmen international weiter. Dovgan ist mittlerweile in rund 25 Ländern vertreten, expandiert nach Südwesteuropa und baut seine Präsenz in Nordamerika aus. Langfristig sollen es 50 Länder werden. Und wenn man den Ausführungen von Roman Kowalew so lauscht, hat man nicht den geringsten Zweifel daran, dass es so kommen wird.
www.dovgan.de