Katharina die Zweite
Im Gespräch mit Schwarze und Schlichte
Das westfälische Unternehmen Schwarze und Schlichte blickt auf eine über 360-jährige Geschichte zurück – in heutigen Zeiten eine bemerkenswerte Zahl. Und noch immer befindet es sich in Familienhand: Katharina Schwarze verkörpert die 13. Generation. In dieser langen Abfolge ist sie erst die zweite Frau an der Spitze. Unsere Autorin Telse Prahl hat mit ihr gesprochen.
Sie macht ihrem Namen alle Ehre: Während des virtuellen Interviews bleibt der Bildschirm schwarz – was aber lediglich an der Technik liegt. Umso konzentrierter lässt es sich lauschen, wenn Katharina Schwarze erzählt, wie sie in die Fußstapfen ihres Vaters Friedrich trat. Ein großes Erbe, schließlich übernimmt man nicht alle Tage ein Familienunternehmen, das bislang allen Herausforderungen der Welt- und deutschen Geschichte standgehalten hat.
„Ich sage immer ein wenig spöttisch: Wäre da nicht dieses Erbe und die damit verbundene Erwartungshaltung, wäre ich einen halben Meter größer“, lacht die zweifache Mutter. „Natürlich spürt man Druck, wenn man bedenkt, dass zwölf Generationen das Unternehmen aufgebaut und vergrößert haben – da möchte ich nicht diejenige sein, die es vergeigt.“ Es sind klare Worte, entwaffnend ehrlich. Katharina Schwarze ist sich der Größe der Aufgabe bewusst. Gleichzeitig gelingt es ihr, sich einen nüchternen, pragmatischen Blick zu bewahren: „Ich will mich davon nicht hemmen lassen – das führt schließlich nicht zu besseren Ergebnissen.“
Seit 2016 ist Katharina Schwarze im Familienunternehmen tätig, 2022 übernahm sie gemeinsam mit Dirk Hasenbein die Geschäftsführung. Sie hätte auch einen anderen Weg wählen können. Ihr Vater, der mehr oder weniger qua Geburt als Nachfolger feststand, hat seiner Tochter den Berufsweg nie vorgeschrieben. In ihrer, also der 13. Generation, gab es theoretisch noch 15 weitere Anwärter. „Letztlich ging aber nur eine Bewerbung ein – meine“, erzählt die 40-Jährige.
Bereits in ihrer Ausbildung hat sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet. Es gehört zu den Firmenstatuten, sich zunächst acht Jahre außerhalb des Betriebes seine Lorbeeren zu verdienen. Im Falle von Katharina Schwarze fiel dies genau in die Zeit der Wirtschaftskrise Ende 2009 – es war alles andere als selbstverständlich, einen passenden Job zu ergattern. So landete sie nach ihrem BWL-Studium bei Media Markt Saturn und war dort unter anderem für eine Software für das Konditionsmanagement verantwortlich. Dies beinhaltete auch die Jahresvereinbarungen des Konzerns mit dem Handel. Hier lernte sie wichtige Skills für ihr späteres Berufsfeld. „Das zählt ja mit zum Hauptgeschäft: Konditionen vereinbaren“, erklärt Schwarze.
Früher Korn, heute Wodka
Den Ursprung und Erfolg von Schwarze und Schlichte bildet das Kornbrennen. Erste urkundliche Erwähnungen gehen auf das Jahr 1664 zurück, damals noch im münsterländischen Westkirchen. 1738 wurde der Firmensitz nach Oelde verlegt, wo bis heute die Geschäftsführung und das Marketing sitzen. Die Herstellung fand zwischenzeitlich in Steinhagen statt – mit Übernahme der Brennerei H.W. Schlichte und der Gründung von Schwarze und Schlichte 1990. Seit 2003 liegt die komplette Produktion in Rinteln an der Weser, einhergehend mit dem Erwerb der Produktionsstätte der Firma Racke (bekannt durch den Whisky Racke Rauchzart).
Der wichtigste Wendepunkt war die Übernahme von Three Sixty Vodka im Jahr 2011. „Das gab uns die Möglichkeit, uns aus der Korn- und Regionalschublade herauszuarbeiten, auf die nationale Bühne“, so Schwarze. Die Wodka-Marke stellt heute die ertragsreichste und wichtigste Marke des Unternehmens dar. Gerade erst gab es einen Design-Relaunch der ikonischen Flasche – eine Überarbeitung der Facettenstruktur und des Etiketts verleihen dem Klassiker nun einen zeitgemäßeren Look. Nicht von ungefähr belegte Three Sixty 2024 zum dritten Mal in Folge Platz 1 nach Absatz im deutschen Premium-Vodka-Markt. Vor allem in der Trend- und Szenegastronomie gehört die Marke zu den führenden Vodkas.
Vom reinen Spirituosen- zum Getränkehersteller
Das gegenwärtige Portfolio wurde in den letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut – auf aktuell über 35 Marken. So entstand unter der Ägide von Katharina Schwarze 2021 die hauseigene Marke Déjà-Vu als Antwort auf den anhaltenden Aperitif-Trend; 2022 folgte die Übernahme der Hamburger Marke Soda Libre und somit eine Erweiterung des alkoholfreien Segments; 2023 wurde die Hamburg Distilling Company zugekauft, sprich: Der beliebte Knut Hansen Gin und Ron Piet Rum befinden sich nun im Portfolio der Westfalen. 2025 dann der Coup mit der Sambuca-Marke schlechthin: Seit April dieses Jahres hat Schwarze und Schlichte den exklusiven Vertrieb von Molinari in Deutschland inne.
„Das möchte ich mir aber nicht allein auf die Fahnen schreiben – diesen Weg weg vom Monomarken-Unternehmen Korn hat bereits mein Vater angestoßen. Damit hat sich Schwarze und Schlichte ein Stück weit neu erfunden und den Fortbestand gesichert. Weil wir nicht am Alten festgehalten haben – das ist ganz wesentlich“, betont Schwarze.
Heute denkt das Unternehmen über die Spirituosenkategorie hinaus. Die Vision ist es, überall dort verfügbar zu sein, wo man Getränke bekommen kann. „Diesem Ziel sind wir mit Soda Libre nähergekommen.“ Das sei auch ein wenig ihrer persönlichen Prägung geschuldet, fügt sie hinzu. „Ich bin groß geworden als Tochter eines Coca-Cola-Konzessionärs – deshalb ist es für uns auch nicht neu, eine Limonade im Portfolio zu haben. Da schließt sich ein Kreis.“
Welche Überlegungen gehen solchen Prozessen voraus? „Natürlich halten wir intern Strategiesitzungen ab, bei denen wir uns fragen: Wie soll unser Portfolio aussehen, gibt es noch weiße Felder?“, verrät Schwarze. „Wir schauen uns den Markt an, überlegen: Was macht derzeit Sinn? Bei Déjà-Vu beispielsweise haben wir dieses Momentum im Aperitif-Bereich gesehen und gesagt: Lasst uns darüber mal nachdenken.“
Die Entwicklung des neuen Produkts dauerte gerade mal ein Jahr. „Schneller geht es kaum – das ist ein absolutes Positivbeispiel“ erinnert sich Schwarze. „Da hat alles gepasst: vom Geschmacksprofil über das Design bis zur Markenwelt. Wir haben keine Schleifen gedreht.“ Vor allem im Fokusmarkt Deutschland hat sich Déjà-Vu als feste Größe etabliert. Nach dem Start 2021 in der Gastronomie wurde der Aperitif, dessen Farbgebung zwischen Aperol und Sarti liegt, im Frühjahr 2023 im Lebensmitteleinzelhandel etabliert. Mit Erfolg: Innerhalb eines Jahres erreichte er Platz 7 im Marken-Umsatzranking der Kategorie „Aperitif & Wermut“. Das exotische Aromenprofil aus orientalischen Gewürzen, leichter Ingwerschärfe und Grapefruit-Noten war Chefsache: „Was Verkostungen angeht, bin ich das Zünglein an der Waage. Zudem führe ich aktiv die Produktentwicklung“, so Schwarze. Mit der inzwischen erweiterten Produktpalette – den Ready-to-Drink Varianten Tonic Spritz und Wild Berry sowie dem Déjà-Vu Alkoholfrei – bedient die Marke nicht nur aktuelle Trends, sondern setzt auch eigene Impulse.
Tradition und Aufbruch
Was soll Schwarze und Schlichte heute verkörpern? „Die Attribute, die uns am besten beschreiben, sind Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit. Wir halten uns an Absprachen. Gleichzeitig sind wir trotz unserer langen Historie sehr innovativ und denken ständig über neue Ideen nach“, fasst Schwarze die Markenwerte zusammen. Die nächsten Jahre stehen im Zeichen von Transformation – sei es in puncto Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder Internationalisierung. „2026 werden wir wichtige Ergebnisse davon zeigen“, kündigt sie an.
Gemessen am Umsatz zählt das Unternehmen aus Oelde mit mehr als 120 Mitarbeitenden inzwischen zu den Top 5 Spirituosenanbietern in Deutschland (Quelle: NielsenIQ, letzte zwölf Monate bis Ende Juni 2025). „Besonders durch die Kooperation mit Molinari sind wir im Ranking um zwei Plätze aufgestiegen.“ Selbst ohne ihr Gesicht zu sehen, wird deutlich, dass Katharina Schwarze sich darüber sehr freut.