Ein Drink in Bonn mit Rheinland Distillers
Better Good Times
Seit mehr als einem Jahrzehnt dürfen wir den Siegfried Gin zu den bewährten Klassikern der deutschen Gin-Szene zählen. Mittlerweile wurde aus einem bescheidenen Experiment eines der kreativsten Getränkeunternehmen des Landes. DRINKS-Autor Peter Eichhorn sprach mit Gründer und Geschäftsführer Raphael Vollmar über aufregende Pfade durch den Spirituosen-Dschungel, alkoholarme Alternativen für Trendsetter und sagenhafte Lindenblätter.
Willkommen im Rheinland. Entlang des mächtigen Flusses reihen sich abwechslungsreiche Atmosphären und faszinierende Eindrücke. Von den herrlichen Burgen zwischen Koblenz und Siebengebirge, weiter zu idyllischer Loreley bis sagenumwobenem Drachenfels und hin zu den Metropolenregionen Köln und Düsseldorf. Alleine in diesem Abschnitt des Rheins steckt schon eine große Menge an Konfliktpotenzial. Ob Helau oder Alaaf, Kölsch oder Altbier und die Frage: Liegt der Nibelungenschatz noch immer im Rhein verborgen? Inwieweit Raphael Vollmar und Gerald Koenen, die Gründer und Geschäftsführer von Rheinland Distillers und somit von Siegfried Gin, diesem Schatz nachjagten, bleibt im Verborgenen. Sie kreierten ihrerseits einen flüssigen Schatz. Doch immerhin ließen sie sich für Namen und Herstellung ihres Gins vom Nibelungenlied inspirieren, in dem Siegfried als beinahe unverwundbarer Held die schöne Kriemhild für sich gewinnt.
Siegfrieds Verwundbarkeit in der Nibelungensaga geht auf das berühmte Bad im Drachenblut zurück, das ihm nach dem Sieg über den Drachen Fafnir beinahe vollständige Unverwundbarkeit verlieh. Während das Blut seine Haut verhärtete, fiel jedoch ein einziges Lindenblatt zwischen seine Schulterblätter und verhinderte, dass die magische Wirkung an dieser Stelle greifen konnte. Die so entstandene kleine, blattförmige Zone blieb Siegfrieds einzige Schwachstelle, die später zu seiner Ermordung durch Hagen von Tronje führt. Neben dem Namen eines Helden, findet sich mit dem Lindenblatt gleich noch das wichtigste Botanical – neben Wacholder und Orange - für den Siegfried Rheinland Dry Gin und somit der flüssigen Huldigung des Rheinlandes.
Zwischen Bonn und Hollywood
B.O.N.N. – die Bundesstadt ohne nennenswertes Nachtleben. So kursiert seit Jahren und Jahrzehnten der augenzwinkernde Abkürzungsscherz über das hübsche Städtchen am Rhein. Doch Bonn bietet reichlich Atmosphäre, Kultur und Inspiration. Auch wenn Bonn als Beethoven-Stadt gilt, bummeln wir in die Mozartstraße zur Markenheimat von Siegfried Gin. Der Spaziergang lohnt sich insbesondere an einem Donnerstag, denn an diesen Tagen wird unter dem Motto „Thirsty Thursdays“ aus dem Büro eine wunderschöne Bar mit hervorragenden Barkeepern, die dort prachtvolle Drinks zaubern. Nicht nur mit Gin. Raphael Vollmar freut sich, dass es mit der Bar einen Ort gibt, wo er Kunden und Gäste treffen kann: „Man kann uns besuchen, das ist großartig. Dieser Playground ist total wichtig für unseren Marken-Alltag. Wir können Produkte ausprobieren, Inspiration durch Gäste sammeln und ihren Wünschen und Aussagen lauschen. Es ist zugleich eine wichtige Schnittstelle für unser Verständnis der Gastronomie.“ Die kreativen Ergebnisse solcher Inspirationen beweisen die beiden Unternehmer immer wieder durch überraschende Kooperationen mit Akteuren aus den unterschiedlichsten Bereichen und ihrem Gin, beispielsweise in Form von Sonderabfüllungen.
Perfect Serve: Gin & Pizza
„Wir möchten immer wieder gerne Leute überraschen mit Aktivitäten, die man so gar nicht unbedingt von einer Gin-Marke erwartet“, erklärt Vollmar. Die aktuelle Kollaboration erfolgte mit dem größten Pizza-Brand der Welt, Domino’s. Der New York Style Salami Pizza Gin mit Fenchel und der Caprese Pizza Gin mit Basilikum waren auf jeweils 123 Flaschen limitiert. Vollmar berichtet: „Das war sensationell. Innerhalb weniger Minuten war die Edition ausverkauft. Bei den Leuten bleibt das hängen, dass sich ein solcher Gigant auf uns einlässt. Und überhaupt: So ein Slice Pizza ist schon etwas Großartiges.
Wild, wilder, Wylda
Ebenfalls auf dem Barconvent konnten die Besucher die neue Kreation der Rheinland Distillers kennenlernen: Wylda. Damit präsentieren sie einen innovativen Einstieg in die neue und wachsende Kategorie der funktionellen Getränke, also jene alkoholfreien Getränke, die zusätzliche Inhaltsstoffe enthalten, um beispielsweise anregend oder gesundheitsfördernd zu sein. Im Fall von Wylda lautet das Motto: Alkoholfrei, aber ab 18 Jahren. Zu dem Produkt wird erklärt: Es richtet sich nicht primär an gesundheitsbewusste Konsument:innen oder schwangere und stillende Frauen, sondern an Erwachsene, die bewusst auf Alkohol verzichten, aber gezielt nach Wirkung in ihren Drinks suchen. Die Kombination aus funktionalen Inhaltsstoffen und aktivierender Wirkung unterscheidet WYLDA deutlich von herkömmlichen Produkten – insbesondere, da eine Kombination mit Alkohol ausdrücklich nicht empfohlen wird, um eine ungewollte Wirkungsverstärkung zu vermeiden. WYLDA basiert auf einer außergewöhnlichen Mischung aus Destillaten, Extrakten und Auszügen adaptogener Pflanzen wie Maca, Schisandra, Ginseng, Damiana, Matcha und Moringa. Diese werden seit Jahrhunderten in verschiedenen Kulturen aufgrund ihrer aktivierenden Eigenschaften eingesetzt.
Ergänzt wird die Rezeptur durch hochdosiertes Vitamin B6 sowie einen erhöhten Koffeingehalt – so intensiv, dass der Verzehr ausschließlich als Mischgetränk empfohlen wird.“ „Wir wollen immer innovativ bleiben“, verkündet Vollmar, „Wylda hat 1,5 Jahre Entwicklungszeit gebraucht. Diese Produktkategorie unterliegt strengen Regeln. Die Zielgruppe ist da. Die junge Generation sucht Alternativen und Vielfalt für ihr Trinkverhalten.“
Ein Marktplatz der Herausforderungen
Beeindruckend, wie technischer Aufwand, Entwicklung und Kreativität bei einer solchen Markeneinführung gemeistert werden müssen. „Es ist nicht immer einfach. Aber wir machen so weiter. Das ist nun einmal Bestandteil unserer DNA,“ so Vollmar. Aktuell geht die konjunkturelle Schwäche der Getränkebranche auch nicht spurlos an den Siegfried-Marken vorbei. Doch für Raphael Vollmar geht es nicht ohne eine gehörige Prise Optimismus: „Nicht ohne Grund lautet unser Claim: Better Good Times. Wirtschaft verläuft nun einmal in Zyklen und nicht linear. Derzeit sind die Energiekosten sehr hoch und in unserem Marktsegment erleben wir beim Konsumenten eine stärkere Zuwendung zu günstigeren Erzeugnissen.
Die beiden Geschäftsführer verbindet nicht nur die Liebe zum Gin, sondern auch 30 Jahre Freundschaft, wie Vollmar berichtet: „Gerald saß eines Tages mal bei uns zu Hause, weil er der Freund meiner kleinen Schwester war. Das war Mitte der 1990er. Später habe ich über ihn meine heutige Frau kennengelernt. Unternehmerisch passen wir hervorragend zusammen. Gerald kommt aus dem Digitalbereich, ich selbst habe einen kaufmännischen Hintergrund. Mittlerweile ist Gerald zudem ausgebildeter Destillateur.“ Mit Peter-Josef Schütz und seiner Eifel-Destillerie war bald der ideale Herstellungs-Partner gefunden, erinnert sich Vollmar: „Wie viele Brennereien haben wir besucht und angeschaut? Eine. Mein Schwiegervater gab uns damals den Tipp. Peter-Josef Schütz ist ein Künstler, ein exzellenter Brenner. Einer der besten und bodenständigsten Vertreter dieses Handwerks. Er hat unsere Wünsche verstanden und in ein Produkt übersetzt. Ohne ihn wäre Siegfried nie ein so großer Erfolg geworden.“
Neue Trends, weniger Prozente
Die Marke Siegfried darf getrost als der Pionier bei den von Gin inspirierten alkoholfreien Destillaten gelten. Vollmar erinnert sich mit leichtem Kopfschütteln: „Der Ursprung für unsere alkoholfreien Produkte war ein Aprilscherz. Es war der 1. April 2016. Seinerzeit haben wir als Aprilscherz verkündet, dass es unseren Siegfried Gin nun auch alkoholfrei gibt, was uns angemessen absurd erschien. Doch die Reaktionen waren überraschend zweigeteilt. Die einen haben gelacht – haha. Die anderen haben gesagt: das hätte ich aber gerne. Als meine Frau dann das zweite Mal schwanger wurde, haben wir gesagt: Lass uns das doch einfach mal machen. So entstand unser Siegfried Wonderleaf. Wir haben uns ganz bewusst entschlossen, es unter Siegfried laufen zu lassen. Davor gab es nur New-to-the-Market-Produkte, wie Seedlip. Es gab keinen vor uns, der sich getraut hat, unter einem etablierten Brand so etwas anzubieten. Am Bar Convent Berlin 2018 wurden wir noch ausgelacht. Heute sieht man, wie die Anzahl der verfügbaren Marken immens wächst. „Stärker als der Markt insgesamt.“ Als zweites Produkt kam bald darauf Wonderoak hinzu. Heute gibt es unter dem Siegfried-Label bereits fünf alkoholfreie Erzeugnisse. Vollmar analysiert: „Menschen wollen Vielfalt. Und die junge Generation, insbesondere die Gen-Z, gibt zum Großteil an, dass sie stark moderiert oder gar keinen Alkohol trinkt. Der Produktionsaufwand ist erheblich. Alkoholische und alkoholfreie Destillate können beispielsweise nicht über die gleiche Anlage laufen. Deklarationspflichten müssen sorgfältig geprüft werden, allein in der lebensmitteltechnischen Unterscheidung zwischen Lebensmittel und Spirituose. Überdies haben wir für das Low-Alcohol-Segment unsere ‚Classic Low‘-Produkte mit 20 % entwickelt. Diese Art von Produkt müssen die Leute noch verstehen lernen. Es ist wichtig in unserem Sortiment. Sehr smartes Zeug. Jedoch bislang nicht massenmarkttauglich. Aber einer muss ja die Tür aufmachen.“ Es ist unmittelbar spürbar: Raphael Vollmar bleibt ein kreativer Optimist. So erklärt er abschließend: „Klar: Der Historiker ist immer schlauer als der Prophet. Aber jetzt wird es wieder Zeit für positive Impulse. Wir fühlen uns dabei in unserer Rolle als Innovationsvorreiter ganz wohl!“