The Julep

Wie persisches Rosenwasser zur Pflicht am Kentucky Derby wurde

Ich muss gestehen: Mit Pferden habe ich nichts am Hut. Nicht mit ihrem Temperament, nicht mit ihrer Pflege und schon gar nicht mit den Wetten, die Menschen dazu verleiten, ihr Erspartes auf vier Hufe zu setzen. Und doch fasziniert mich die Welt, die sich um Groß-ereignisse wie Pferderennen herum gebildet hat, genauer gesagt: die Welt davor. Lange bevor die FIFA-Weltmeisterschaft Milliarden Menschen vor Bildschirmen versammelte, war es der Pferdesport, der die gesellschaftliche Bühne bestimmte. 

 

Royal Ascot und das Kentucky Derby waren nicht bloß Pferderennen. Sie waren Bühnen, auf denen sich zeigte, wer dazugehörte. Kaum vorstellbar, was sich abseits der Rennbahn alles abspielte: Allianzen wurden geschmiedet, Reputationen gemacht oder zerstört, alles mit einem Drink in der Hand. Und auf den Tribünen von Louisville war dieser Drink seit jeher derselbe: der Mint Julep.

 

Vom Rosenwasser zur Medizin

Dabei begann die Geschichte weit entfernt von Churchill Downs, in Persien, wo das Wort „gulab“ schlicht „Rosenwasser“ bedeutete und über das arabische julab und das lateinische julapium ins Englische wanderte. In der Antike waren Juleps medizinische Zubereitungen, die den bitteren Geschmack von Arzneien überdecken sollten; im Mittelmeerraum ersetzte bald die überall wachsende Minze die teuren Rosenblüten. In der Neuen Welt trat Spirituose an die Stelle der Botanik: Der britische Reisende John Davis beschrieb 1803, wie Virginier morgens „ein Glas Spirituose mit darin getränkter Minze“ tranken. Sie nannten diesen Morgentrunk einen Antifogmatic, einen Dram, der angeblich die schädlichen Wirkungen des Sumpfnebels abwehren sollte, dem man die Malaria zuschrieb. Die guten alten Zeiten der Präventivmedizin.

 

Bourbon tritt auf die Bühne

Bourbon war dabei lange nicht die einzige Spirituose. Jerry Thomas’ Bartenders Guide von 1862 erlaubte noch Cognac, Brandy, Gin, Whiskey oder Schaumwein. Der Siegeszug des Bourbons kam erneut durch Ereignisse der alten Welt: Als im späten 19. Jahrhundert die Reblaus die französischen Weinstöcke vernichtete und der Cognac Nachschub versiegte, griffen Kentuckianer auf das zurück, was sie im Überfluss hatten: Bourbon. Cocktailhistoriker Chris McMillian bringt den Stellenwert des Drinks auf den Punkt: „What the Martini was to the 20th century, the Mint Julep was to the 19th century.“

 

Was den Julep ausmacht

Der Mint Julep ist kein komplizierter Drink, er benötigt vor allem frische Zutaten und handwerkliche Präzision. Im Grunde ist er von der Struktur ein Old Fashioned, erweitert durch die Aromatik frischer Minze. Diese wird sanft angedrückt, nicht gemörsert, damit sie ihre Öle freisetzt, ohne dabei die Bitterkeit in den Drink zu treiben. Dazu kommt reichlich Crushed Ice. Es schmilzt langsam im gefrosteten Becher und verdünnt den Nektar aus Bourbon, etwas Zucker und Minzöl zunehmend auf Trinkstärke. Genau darin liegt der Reiz: Der Julep glänzt gerade dadurch, dass er sich beim Trinken verändert. Zuerst der vollmundige Bourbon, überraschend minzig und aromatisch, zunehmend leichter und erfrischend, bis zum letzten, fast wässrigen Schluck.

 

Das silberne Tribunal

Die Präsentation im Silberbecher ist keine zufällige Spielerei. Er ist die Bedingung: Das Metall kühlt schneller als Glas, hält die Temperatur und lässt den Becher von außen anlaufen, jenen charakteristischen Frost, an dem man einen echten Julep erkennt. Die Verbindung zum Pferdesport reicht bis in die 1820er Jahre zurück, als Silber-Julep-Pokale als Trophäen für erstplatzierte Jockeys vergeben wurden, eine Verbindung zweier der bekanntesten Industrien Kentuckys: Pferderennen und Bourbon. Seit der ersten Austragung des Kentucky Derby 1875 ist der Julep Teil des Zeremoniells; schon 1877 soll die polnische Schauspielerin Helena Modjeska bei ihrem Derby-Besuch gleich mehrere bestellt haben, weil ihr der erste so gut gefiel. Bei der „Winner’s Party“ stößt der Gouverneur von Kentucky bis heute mit einem Sterling-Silber-Becher auf den Sieger an. An einem Derby-Wochenende werden über 120.000 Mint Juleps ausgeschenkt, für ein zweiminütiges Pferderennen. Mit dem richtigen Julep würden auch diese zwei Minuten für mich erträglich werden.

 

Unser Cocktailautor Pat Braun nimmt für den Mint Julep am liebsten
Buffalo Trace Kentucky Straight Bourbon Whiskey aus dem Portfolio von Wein Wolf.

The Julep  

 

Rezeptur
6cl Buffalo Trace Kentucky Straight Bourbon Whiskey
1cl Zuckersirup
8-10 Blätter Minze
Puderzucker
Crushed Ice 

 

Zubereitung: Die Minzblätter zusammen mit dem Zuckersirup in einen Becher geben und mit einem Stößel leicht zerdrücken. Anschließend den Becher mit Eis auffüllen und den Whiskey dazugeben. Gut umrühren, mit Puderzucker bestreuen und einem Pfefferminzblatt garnieren. 


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