New York Sour
Die Schönheit des Whiskey Sour liegt in seiner Wandelbarkeit
Der Whiskey Sour ist einer der ersten Drinks, die ich je geliebt habe. Ich habe ihn in den 1990er Jahren zum ersten Mal probiert und in den unterschiedlichsten Variationen getrunken. Für mich ein persönlicher Benchmark, um zu entscheiden, wie die Bar in meinem persönlichen Ranking abschneidet. Der New York Sour etwa verleiht dem Klassiker eine elegante, theatralische Note: Ein guter Rotwein – traditionell ein besonders dunkler, schwerer und vor allem trockener – wird vorsichtig über den Rücken eines Barlöffels auf den fertig zubereiteten Whiskey Sour geschichtet. Von Pat Braun.
Welches Gefühl überkommt einen regelmäßig, wenn man eine Bar betritt: gedämpfte Stimmen, nicht zu helles Licht, das warme Material des Tresens. Routinierte Handgriffe der Barkeeper schaffen eine Atmosphäre, die vertraut ist. Ich lege die Barkarte zur Seite, ohne sie zu öffnen. Ich habe keine Lust auf Premix oder Milkpunches. “Einen Whiskey Sour, bitte.” Die Worte kommen automatisch, wie ein Reflex, der tief in meinem Unterbewusstsein verankert ist.
Der Sour zählt zu einem der ältesten Cocktails der Welt, der 1862 erstmals schriftlich im Bartender’s Guide von Jerry Thomas dokumentiert wurde. Der Whiskey Sour als solches wurde, zuerst 1870 in einer Zeitung aus Wisconsin erwähnt. Zumindest, dass ein “Whiskey Sour” bestellt wurde. Die Grundformel ist von bestechender Einfachheit: Spirituose, Zitronensaft, Zucker. Drei Zutaten, die zusammen mehr ergeben als die Summe ihrer Teile. Der Bourbon bildet das Fundament mit seinen warmen Vanille- und Karamellnoten. Der frische Zitronensaft bringt die nötige Säure, die den Alkohol zähmt und dem Drink seine charakteristische Frische verleiht. Der Zuckersirup schließlich rundet die Kanten ab und verbindet die Aromen zu einer harmonischen Einheit.
Die Schönheit des Whiskey Sour liegt auch in seiner Wandelbarkeit. Wie ein Jazzstandard lädt er zu Interpretationen ein, ohne dabei seine Seele zu verlieren. Der New York Sour etwa verleiht dem Klassiker eine elegante, theatralische Note: Ein guter Rotwein – traditionell ein besonders dunkler, schwerer und vor allem trockener – wird vorsichtig über den Rücken eines Barlöffels auf den fertig zubereiteten Whiskey Sour geschichtet. Das Ergebnis ist nicht nur visuell beeindruckend – diese schwebende, rubinrote Schicht über dem cremigen Gelb – sondern fügt dem Drink eine tanninreiche, fruchtige Dimension hinzu. Jeder Schluck wird zur Entdeckungsreise: Erst die wärmende Komplexität des Weins, dann die kühle Säure des Sours. Eine weitere Variante des Whiskey Sour ist der Continental Sour. Dieser nimmt einen anderen Weg. Hier kommt Portwein zum Einsatz, der dem Drink eine süßere, vollmundigere Textur verleiht. Diese Interpretation schlägt eine Brücke zwischen der amerikanischen Barkultur und europäischer Eleganz. Der Continental Sour schmeckt nach Samt und herbstlichen Abenden, nach Bibliotheken mit schweren Ledersesseln. Wo der klassische Whiskey Sour erfrischend direkt ist, zeigen sich die Twists wie New York Sour und Continental Sour raffiniert und vielschichtiger.
Doch welcher Whiskey ist für die zwei Varianten der richtige? Bourbon etablierte sich erst nach der Prohibition als Inbegriff des American Whiskey – davor war Rye die erste Wahl. Der Whiskey Sour ist für mich wie ein Lieblings-T-Shirt, das nach Jahren immer noch perfekt sitzt. Wie eine Schallplatte, deren Rückseite man auswendig kennt, jeder Ton im Gedächtnis eingebrannt und doch nie langweilig ist. Er ist der Soundtrack zu unzähligen Abenden, der treue Begleiter in Bars, von überfüllten Kneipen bis zu eleganten Hotel-Lounges. Jeder Schluck trägt die DNA vergangener Gespräche, gelöster Anspannungen und neuer Bekanntschaften in sich.
Unser Cocktailautor Pat Braun nimmt für den New York Sour am liebsten
den Buffalo Trace Bourbon und einen hochwertigen Rotwein aus dem Portfolio von Wein Wolf.
New York Sour
Rezeptur
5cl Buffalo Trace Bourbon Whiskey
3cl Zitronensaft
2cl Zuckersirup 1:1
1 Eiweiß
1,5cl Rotwein
Zubereitung: Alle Zutaten in einen Shaker auf frisches Eis geben. Hart schütteln, ab sieben und erneut ohne Eis schütteln. In eine Coupette
abgießen und garnieren.