Der Sidecar
Von einem zeitlosen Drink
Die Arbeit an der Bar besteht vorwiegend aus Routine. Vorbereitungen treffen, das Mise en Place durchgehen, Zutaten vorbereiten – und vor allem putzen. Ein Prozess, der in Fleisch und Blut übergeht und irgendwann nur noch im Unterbewusstsein stattfindet. Dabei spricht man über die vergangene Schicht, die Gäste, die Ereignisse der letzten Tage. Währenddessen wird jede Flasche in die Hand genommen, abgewischt und wieder an ihren Platz gestellt. Flaschen, die schon vor einem in der Bar existierten, und wahrscheinlich auch morgen noch dort stehen werden. Von Pat Braun.
Irgendwann begannen wir, zu jeder vergessenen Spirituose einen passenden Cocktail zu recherchieren. Es kam die Zeit, als es auch die unbeachteten Cognac-Flaschen traf – und ein entsprechender Drink auf die Karte musste. So stolperte ich über den Sidecar. Einen Drink, der in den goldenen Jahren der Cocktail-Kultur zu Hause war, in den rauchigen Bars von Paris und London der Zwischenkriegszeit. Einen Drink, der Cognac nicht als Digestif inszeniert, sondern als kraftvolles Fundament eines perfekt ausgewogenen Cocktails.
1918 – Die Geburt des Sidecar
Wie bei allen großen Cocktails des 20. Jahrhunderts sind die Ursprünge des Sidecar umstritten. Eine Version erzählt von einem Offizier, der während des Ersten Weltkriegs regelmäßig im Beiwagen eines Motorrads zu Harry’s New York Bar in Paris chauffiert wurde. Dort bestellte er einen Drink, der ihn “aufwärmen” sollte – und der Barkeeper kreierte den Sidecar. Das Ritz Hotel in Paris beansprucht die Erfindung ebenfalls für sich, während andere die Ehre dem legendären Bartender Pat MacGarry vom Buck’s Club in London zusprechen – jenem berühmten Treffpunkt der Aristokratie, wo auch der Buck’s Fizz erfunden wurde. Die Wahrheit? Sie liegt vermutlich irgendwo zwischen diesen Metropolen, in den rauchigen, pulsierenden Bars der Zwischenkriegszeit. Was jedoch feststeht: Der Sidecar ist eine radikale Vereinfachung des Brandy Crusta aus New Orleans. Weg mit dem Bitter, weg mit dem Zuckersirup – nur noch drei Zutaten blieben übrig. Cognac oder Armagnac, Orangenlikör und frischer Zitronensaft. Drei Komponenten, die in perfekter Balance zusammenfinden mussten. In dieser Reduktion auf das Wesentliche liegt die Eleganz des Sidecar – ein Cocktail, der beweist, dass es keine Komplexität vieler Zutaten braucht, sondern nur Präzision.
Das Spiel der Zutaten
Der Sidecar ist ein Drahtseilakt. Zu viel Zitrone, und er wird sauer und ungenießbar. Zu viel Orangenlikör, und die Süße dominiert den Brandy. Zu viel Brandy, und der Drink wird schwer und alkoholisch. Die klassische Formel folgt dem Verhältnis 2:1:1 – 4cl Brandy, 2cl Orangenlikör, 2cl Zitronensaft. Wie bei allen großen Cocktails gibt es jedoch Variationen: Die “French School” setzte in der Zwischenkriegszeit auf ein gleichmäßiges Verhältnis der Zutaten – dies schafft dem Orangenlikör mehr Raum und der Drink wird etwas zugänglicher. Es gibt nicht den einen Sidecar – nur Interpretationen. Was nie verhandelbar ist: Die Qualität der Zutaten. Ein Drink mit nur drei Komponenten lebt davon, dass jede einzelne herausragend ist. Ein hochwertiger Cognac oder Brandy ist ideal – komplex genug, um dem Drink Tiefe zu verleihen, aber nicht zu schwer. Beim Orangenlikör lohnt sich etwas mehr Recherche. Der gängigste ist Cointreau mit seiner klaren Orangennote. Und die Zitronen? Frisch gepresst, klar!
Ein Drink für jede Gelegenheit
Der Sidecar ist ein Multitalent. Ob als Aperitif vor dem Abendessen, als eleganter Abschluss eines langen Abends oder als Signature-Drink auf einer exklusiven Karte – er passt immer. Und dann ist da noch die Barkeeper-Tradition des “Sidecars”. Dale DeGroff erklärt es so: Wenn ein Barkeeper die Proportionen nicht ganz trifft und nach dem Abseihen noch etwas im Shaker übrig bleibt, gießt er diesen Rest in ein kleines Shot-Glas – ein “Sidecar”. Eine charmante Variante, die sicherlich für Gespräche an der Bar sorgt. Der Sidecar ist zeitlos, elegant und voller spannender Geschichten. Er erinnert daran, dass Cocktails mehr sind als nur Getränke – sie sind Zeugen ihrer Epoche. Der Sidecar erzählt von einer Zeit des Aufbruchs nach den dunklen Jahren des Ersten Weltkriegs, von Revuen und Kabaretts, von Tanzlokalen und neuen Freiheiten in den Großstädten Europas. Von einer Generation, die das Leben feierte, als gäbe es kein Morgen. Vielleicht ist es Zeit für eine Renaissance. Unsere Zeit verlangt nach Achtsamkeit, doch vielleicht ist es genauso wichtig, das Leben zu feiern, statt es nur zu regulieren.
Unser Cocktailautor Pat Braun nimmt für den Sidecar am liebsten
den neu aufgelegten Jacobi 1880 aus dem Portfolio von JACoBI Spirits.
Der Sidecar
Rezeptur
5cl Jacobi 1880
2cl Orangenlikör
2cl Zitronensaft
Zubereitung: Alle Zutaten in einen Shaker mit reichlich Eis geben. Kräftig schütteln, doppelt abseihen und in eine gekühlte Coupette gießen. Optional den Glasrand mit Zucker umranden und mit einer Orangenzeste garnieren.