Der Espresso Martini
„Vom Stimulant zum Klassiker“
Es gibt einen besonderen Moment hinter der Bar, auf den jeder passionierte Bartender hinarbeitet. Es muss nicht ein perfekt ausgeführte Ramos Gin Fizz oder die makellose Ausführung eines Blue Blazer sein. Es ist dieser Moment, wenn ein Stammgast, mit dem man über Wochen und Monate eine Beziehung aufgebaut hat, sich zurücklehnt und sagt: “Mach mir was. Egal was. Überrasch mich.”
Das ist der Ritterschlag des Vertrauens. In diesem Augenblick läuft ein Film vor deinem geistigen Auge ab: Was trinkt dieser Gast normalerweise? Wie war seine Stimmung bei den letzten Besuchen? Mag er es süß oder herb, stark oder leicht? Ist er heute müde oder aufgedreht? Du greifst zu den Flaschen, vertraust deiner Intuition und erschaffst etwas, das hoffentlich genau das ist, was dieser Gast in diesem Moment braucht. Genau so entstand einer der ikonischsten Cocktails der modernen Ära. Die Geschichte geht so: Ein berühmtes Model – die Identität bleibt diskret – kam in die Soho Brasserie im London der 1980er Jahre und stellte eine Bitte, die direkter nicht hätte sein können: “Make me something that will wake me up and, and then, fuck me up.” Der Australier Dick Bradsell, damals hinter dem Tresen, stand vor genau dieser Herausforderung. Er kannte sein Gast. Er wusste, was sie brauchte. Sein geistiges Auge scannte die Bar und griff zu: Vodka hält sich aromatisch im Hintergrund sorgt aber für den alkoholischen rechten Haken, Kaffeelikör sowohl für die Süße als auch die aromatische Tiefe, und frischer Espresso für den Kick – das war der Schlüssel. Koffein und Alkohol, Wachmacher und Stimmungsmacher in einem Glas. Er schüttelte die Zutaten kräftig mit Eis, und als er den Drink in das V-förmige Glas abseihte, bildete sich diese charakteristische Crema-Schicht auf der Oberfläche. Die Geburtsstunde eines modernen Klassikers.
Vom Vodka Espresso zum Espresso Martini
Der Drink begann sein Aufstieg unter dem Namen “Vodka Espresso” – eine ehrliche, direkte Beschreibung dessen, was im Glas war. Doch wie so oft in der Barwelt, entwickelte sich der Name weiter. In den 1990er Jahren etablierte sich die Bezeichnung “Espresso Martini”, ein Name, der bis heute für Verwirrung und Diskussionen sorgt. Denn seien wir mal ehrlich: Der Drink ist kein Martini. Der Espresso Martini teilt sich lediglich das V-förmige Martiniglas mit seinem Vorbild – und selbst das ist problematisch. Das klassische Martiniglas, so elegant es auch aussehen mag, ist für Cocktails eigentlich ungeeignet. Die spitze Form und der lange Stiel machen es unhandlich: Der Drink wird schnell warm, die Crema verschwindet dadurch schneller, und wenn man etwas unvorsichtig ist, ist das Ganze schnell eine Sauerei. Die meisten Bartender servieren den Espresso Martini daher in einer Coupette. Sie ist praktischer und die Crema kommt besser zur Geltung. Der Name blieb trotzdem. Vielleicht, weil “Espresso Martini” einfach besser klingt als “Vodka Espresso in einer Coupette”.
Die Renaissance eines Klassikers
Der Espresso Martini erlebte in den 1990er Jahren auch dunklere Zeiten, als er zum Opfer einer “Fast-Food-Mentalität des Drink-Mixens” wurde. Vorgefertigte Mixe, billiger Kaffeelikör und lauwarmer Espresso aus der Maschine verwässerten die ursprüngliche Idee. Heute erleben wir die Konvergenz zweier großer Bewegungen hat dem Drink neues Leben eingehaucht: der Craft-Cocktail-Boom, der Mitte der 2000er Jahre richtig Fahrt aufnahm, und die Third-Wave-Coffee-Bewegung aus derselben Zeit. Plötzlich wurde wieder auf Qualität geachtet – auf die Herkunft der Kaffeebohnen, die Röstung, die Extraktion. Die Popularität des Drinks hat auch eine ganze Industrie kleinerer, unabhängiger Produzenten inspiriert, die eigene kaffeebasierten Produkte kreieren. Cold-Brew-Konzentrate, Premium-Kaffeeliköre, Nitro-Coffee – es gibt heute mehr Auswahl als je zuvor. Zudem hat fast jede Bar eine vernünftige Möglichkeit, einen guten Espresso zu ziehen. Manchmal ist es dann doch die klassische Version, die am meisten Freude bereitet: Vodka, frischer Espresso, Kaffeelikör, kräftig geschüttelt, bis sich diese charakteristische Crema-Schicht bildet. Gib mir eine gute Kaffeemaschine, qualitätsvolle Bohnen, einen Shaker und das Vertrauen eines Gastes, der sagt “Mach mir was, egal was” – und ich werde glücklich sein. Denn genau so entstehen die besten Drinks: nicht aus Rezeptbüchern, sondern aus dem Verständnis dafür, was ein Mensch in diesem Moment wirklich braucht. wie es das Model damals verlangt hat.
Unser Cocktailautor Pat Braun nimmt für den Espresso Martini am liebsten
Galliano Espresso Likör aus Italien und Vodka Koskenkorva aus dem Portfolio
der Diversa Spezialitäten GmbH.
Der Espresso Martini
Rezeptur:
Rezeptur
4 cl Vodka Koskenkorva
2 cl Galliano Espresso Likör
2 cl Rohrzuckersirup
1 Espresso Shot
Glas: Coupette
Garnitur: drei Kaffeebohnen