ORA Bar, Zürich
Die gute Stunde
Mixologie ist Handwerk – und wie jedes Handwerk braucht sie Zeit. Zeit, um Aromen zu verstehen, Zutaten zu verarbeiten, und Techniken zu verfeinern. Und Zeit, in der man als Gast in einer guten Bar gerne verweilt. Mit diesen Gedanken besuchen wir in unserem aktuellen Mystery-Check eine Bar, die genau dafür stehen will – und deren Name, das italienische Wort für «Stunde», dieses Versprechen bereits in sich trägt. Objektiv, konstruktiv und inkognito sind wir zu Gast in der ORA Bar in Zürich, Schweiz.
Zürich, die grösste Stadt der Schweiz, liegt eingebettet zwischen dem nördlichen Ende des Zürichsees sowie den bewaldeten Hügeln von Uetliberg und Zürichberg. Was die Stadt nach aussen oft als nüchternes Finanzzentrum erscheinen lässt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als vielschichtiger Ort mit lebhafter Kulturszene, renommierter Kunstwelt und einer Gastronomie, die sich in den letzten Jahren merklich gewandelt hat. Zürich ist heute eine Stadt, in der man gut essen und noch besser trinken kann. Das Niederdorf – offiziell Teil des Kreises 1 – ist das älteste Quartier der Stadt. Zwischen der Limmat und den Hängen des Lindenbergs ziehen sich verwinkelte Gassen, gesäumt von Zunfthäusern, kleinen Restaurants und urigen Beizen. Wer nachts durch das Niederdorf streift, begegnet einem bunten Publikum: Touristen neben Stammgästen, Studierende neben Kulturschaffenden. Das Quartier ist bekannt für sein lebendiges Nachtleben – und dafür, dass man eine gute Adresse selten lange suchen muss. Und doch: Wirklich innovative Barkonzepte haben sich hier lange schwergetan. Das Niederdorf war kein Pflaster für experimentierfreudige Mixologie. Genau das macht eine der neueren Adressen an der Zähringerstraße
besonders bemerkenswert.
Das Entree
Die Zähringerstrasse im Herzen des Niederdorfs ist kein unbekanntes Terrain. Wer hier auf der Suche nach einem Drink ist, kennt die Gasse und ihre Lokale. Die ORA Bar gibt sich von aussen zurückhaltend: ein schlichter Schriftzug, ein schmales Fenster. Der Aussenbereich bietet an warmen Abenden sicherlich einige Plätze direkt an der Strasse – am Tag unseres Besuchs ist er jedoch von einer Baustelle eingeschränkt. Bald soll dieser Teil der Zähringerstrasse zur Fussgängerzone werden, was den Strassenraum deutlich aufwerten dürfte.
Bewertung: 2
Das Ambiente
Seit Herbst 2024 gibt es die ORA Bar im Gässli nahe dem Central – an einem Ort, an dem zuvor das Bonnie Prince Pub zu finden war. Vom Interieur des Pubs ist nichts geblieben und wer das Niederdorf mit dunklen Holzpaneelen, gerahmten Fussballwappen und Bierkrügen assoziiert, wird in der ORA Bar eines Besseren belehrt. Hier ist es hell, minimalistisch und modern. Verantwortet von Architekt Gabriel Heusser, setzt die Einrichtung auf eine Palette aus Himmelblau und Sonnengelb – sowie auf klare Linien, hochwertige Materialien und ein warmes Lichtkonzept. Die Bar selbst ist kompakt, mit einer Theke aus Edelstahl. Die Tische sind schlicht, die Glasware edel. Eine kleine Backbar entdecken wir rechts unten an der Theke – sie steht nicht im Vordergrund. Überall gibt es gemütliche Sitzgelegenheiten und Nischen zu entdecken. Wir fühlen uns eher wie Gäste in einem modernen Weinbistro irgendwo zwischen dem Mailänder Naviglio und dem Kreis 4 als im altstädtischen Niederdorf. Wir empfinden es als erfrischende Abwechslung – und klares Statement.
Bewertung: 2
Das Barteam
Wir werden freundlich begrüsst und nehmen an der Bar Platz. Das Team bewegt sich aufmerksam und sehr souverän. Unaufgefordert erhalten wir eine Flasche Wasser. Die Abläufe wirken eingespielt – während im linken Bereich der Bar die kleinen Aperitivo-Snacks und Speisen vorbereitet werden, stehen alle vorproduzierten Drinks für Cocktail-Bestellungen bereit. Für unsere Fragen zu Zutaten, Techniken oder Pairings nimmt sich das Team viel Zeit und beantwortet sie mit grossem Produktwissen sowie mit spürbarer Begeisterung. Die Bar ist gut besucht; die Atmosphäre entspannt. Für uns zeichnet sich ein Bild aus hoher Professionalität und toller Gastfreundschaft.
Bewertung: 1
Die Barkarte
Die Karte der ORA Bar ist vergleichsweise kurz und aufgeteilt in «ORA Picks», «Food», «Drinks», «Wine´n Bubbles» sowie «Beer, Cidre n` Soft». Sie vermittelt uns jedoch mit ihren Speisen, die weit über klassisches Bar-Food hinausgehen, sofort italienischen Flair: vom Carne Cruda mit handgeschnittenem Rindstatar, Kapern und hausgemachten Pickles bis hin zum ORA Salat mit Artischocken, Kichererbsen, Nüsslisalat, Cedro und Minze. Die Drink-Kreationen machen uns ebenfalls neugierig. Was die Karte besonders auszeichnet, ist ihr Umgang mit Klassikern. Barchef Marco Colelli interpretiert sie neu. Wir machen die Erfahrung: Wer das Original kennt und liebt, wird die ORA-Version ebenso schätzen. So zum Beispiel beim «Caffè», einer Variante des beliebten Espresso Martini, der hier fein abgestimmt mit Vodka, Himbeere, brauner Butter und Kaffee präsentiert wird. Für seine Cocktails nutzt Colelli die Vakuumdestillation – ein Laborverfahren, das Zutaten besonders schonend aufbereitet und deren Aromen in ihrer reinsten Form bewahrt. Das Potenzial jeder Zutat wird voll ausgenutzt. Ergänzt wird die Karte durch regionale Weine sowie eine überschaubare, sorgfältig kuratierte Auswahl alkoholfreier Optionen.
Bewertung: 1,5
Mixed Drinks
Die fehlende Backbar und die auf den ersten Blick schlicht wirkenden Cocktails der ORA Bar führen uns auf eine falsche Fährte: Schnell wird klar, dass hinter der Produktion der Drinks ein hoher technischer und zeitlicher Aufwand steht. Noch bevor die Bar öffnet, arbeitet das Team im Labor im Obergeschoss an Destillaten, Infusionen und verschiedenen Vorbereitungsschritten. Verwendet werden dabei Techniken aus der modernen Gastronomie – darunter Rotationsverdampfer, Karbonisierung, Zentrifugen und Vakuumgarverfahren. Einzelne Zutaten und Aromen werden getrennt verarbeitet und später neu zusammengesetzt. Einige Drinks entstehen über mehrere Tage hinweg. Ein grosser Teil der Karte wird vorab gebatched und in Flaschen abgefüllt. Während des Services ermöglicht dies ruhige Abläufe an der Bar und schafft gleichzeitig Raum für den direkten Austausch mit den Gästen. Der hohe Anspruch an die Kreation und Qualität der Drinks beeindruckt uns und das Geschmackserlebnis überzeugt in jeder Hinsicht.
Bewertung: 1.5
Speisen und Snacks
Auch kulinarisch folgt die ORA Bar einer klaren Handschrift. Viele Produkte stammen von Produzenten aus Zürich und der Region: Charcuterie und Käse kommen aus der Mini Metzg in der Markthalle, das Bio-Schwein vom Gut Rheinau; Brot liefern John Baker in Zürich sowie die Bäckerei Fenuta in Dietikon. Verantwortlich für die Küche ist Ken Rojas. Beim Vorbeigehen an der offen einsehbaren Küchenstation entstehen die italienisch geprägten Gerichte. Focaccia gehört ebenso zum Angebot wie wechselnde warme Gerichte. So zeigt sich für uns bei den Speisen derselbe Ansatz wie bei den Drinks: hohe Qualität, Präzision und mit sehr viel Liebe zum Detail.
Bewertung: 1
Musik und Entertainment
Während unseres Besuchs nehmen wir Musik wahr, sie bleibt jedoch angesichts des hohen Geräuschpegels im Raum eher subtil wahrnehmbar.
Bewertung: 2
Service und Kommunikation
Der Service in der ORA Bar ist sehr aufmerksam und präsent. Unser Wasserglas wird regelmässig nachgefüllt, Rückfragen zu Zutaten und Herstellungsverfahren werden ausführlich beantwortet. Ganz offen vermittelt das Team die technischen Abläufe und die einzelnen Komponenten der Drinks. Die Sprache an der Bar war an diesem Abend englisch.
Bewertung: 1,5
Barchef und Führung der Bar
Küchenchef Ken Rojas, Geschäftsführer Pablo Züger und Barchef Marco Colelli bilden das Dreigestirn der ORA Bar. Marco Colelli ist eine der prägenden Figuren der Zürcher Barszene – und das schon lange, bevor er die ORA Bar ins Leben rief. Den Weg hinter die Bar fand der gebürtige Italiener über seine Leidenschaft für Aromen und Präzision. Zuvor war er unter anderem im «Tales» und «Raygrodski» tätig, wo er sich mit ausgetüftelten Eigenkreationen bereits einen Namen machte. Das jüngste Kapitel seiner Geschichte ist die ORA Bar, die er als Teil der Commercio Gastronomie – gemeinsam mit F&B Manager Lukas Stohler – konzipiert und umgesetzt hat. Die Commercio Gastronomie ist eine traditionsreiche Zürcher Gastrogruppe, die seit 1973 Restaurants, Bars und kulturnahe Lokale in Zürich betreibt. Sie gilt heute als feste Institution der Zürcher Gastroszene – besonders rund um Bellevue, Stadelhofen und das Niederdorf.
Bewertung: 1
Produktkenntnis und Beratung
Das Wissen hinter der Bar ist fundiert und wird mit Freude geteilt. Als unser Interesse an den unterschiedlichen Produktionsmethoden erkennbar wird, erhalten wir zudem kleine Kostproben einzelner Zubereitungen, um die verschiedenen Aromaprofile und Stilrichtungen der Karte nachvollziehen zu können.
Bewertung: 1
Sauberkeit und Hygiene
Der Arbeitsbereich hinter der Bar ist zu jedem Zeitpunkt unseres Besuchs sauber und strukturiert. Die sanitären Anlagen sind gepflegt und befinden sich in einwandfreiem Zustand.
Bewertung: 2
Tastings und Aktionen
Die ORA Bar bietet Cocktail-Workshops für Gruppen an – geführt von Marco Colelli persönlich. Das Format eröffnet Gästen die Möglichkeit, hinter die Kulissen seiner präzisen Aromenarbeit zu blicken und eigene Drinks zu kreieren. Angesichts der aussergewöhnlichen Methodik, die Colelli in seiner täglichen Arbeit einsetzt, dürften diese Kurse für Interessierte weit mehr als ein klassischer Workshop sein. Unterstützt werden die Formate unter anderem durch Partnerschaften mit Ron Zacapa. Gleichzeitig scheint weiteres Potenzial bereits angelegt: Internationale Gastschichten aus aller Welt, saisonale Veranstaltungsreihen oder kollaborative Abende sind ein logischer nächster Schritt für eine Bar, die handwerklich längst auf internationalem Niveau operiert. Coleli selbst ist regelmäßig für Gastschichten in der Schweiz und in Italien unterwegs.
Bewertung: 1
Social Media & Networking
Auf Instagram ist die ORA Bar unter @ora_bar_zuerich sehr aktiv – fast 6000 Follower verfolgen hier das aktuelle Geschehen. Die Beiträge zeigen Einblicke in Drinks und Atmosphäre und vermitteln einen stimmigen Eindruck des Konzepts. Auf dem Account sind ebenso alle Informationen zu Gastschichten sowie den sogenannten Kitchen Tunes zu finden – ein Format mit unterschiedlichen DJs, die in der ORA Bar auflegen. In der Zürcher Barszene ist die ORA Bar dank der Reputation von Marco Colelli gut positioniert.
Bewertung: 2
Preis und Leistung
Das Preis-Leistungs-Verhältnis der ORA Bar ist unserer Meinung nach stimmig: Die Drinks bewegen sich zwischen 16.50 CHF und 19 CHF, die Focaccia mit Mortadella und Burrata liegt beispielsweise bei 14.50 CHF. Für Zürich sind das faire, nachvollziehbare Preise – angesichts des handwerklichen Aufwands, der hinter jedem Drink steckt, sogar bemerkenswert moderat.
Bewertung: 2
Fazit
Als wir die ORA Bar an diesem Abend verlassen, haben wir das Gefühl, etwas entdeckt zu haben – und nicht nur in einer weiteren Bar gewesen zu sein. Einen Ort, der auf Handwerk und Qualität setzt, der Kreativität mit Gastfreundschaft verbindet. Marco Colelli, Pablo Züger und Ken Rojas haben hier ein wunderbar stimmiges Konzept geschaffen. Die ORA Bar ist jung, sie wird noch wachsen und sich entwickeln. Was sie heute schon ist, verdient höchste Aufmerksamkeit. Wer einmal da ist, vergisst die Zeit – und bleibt länger als geplant.
Adresse
Zähringerstrasse 38
8001 Zürich