Café Wunderbar
Cocktailkunst mit Heike Stehle
Eine Bar ist selten nur eine Bar. Sie ist Treffpunkt, Wohnzimmer und manchmal auch Widerstand. Gerade dort, wo Fussgängerzonen leerer werden und Schaufenster immer öfter mit Vermietungsschildern statt mit Auslagen bestückt sind, wird deutlich, was eine lebendige Adresse für eine Stadt bedeuten kann. Mit diesem Gedanken besuchen wir für unseren Mystery-Check eine Kleinstadt, die wie einige andere in Deutschland um ihre Innenstadt kämpft – und eine Bar, die sich mittendrin behauptet. Objektiv, konstruktiv und inkognito sind wir zu Gast im Café Wunderbar in Stockach, Deutschland.
Stockach liegt im Landkreis Konstanz, eingebettet in die sanften Hügel des Hegaus, nur wenige Kilometer vom nordwestlichen Ufer des Bodensees entfernt. Der Ort trägt den Beinamen „Tor zum Bodensee" – eine Anspielung auf seine zentrale Lage zwischen Schwarzwald, Hegau und See, die Stockach seit jeher zu einem Verkehrsknotenpunkt und beliebten Ausflugsziel gemacht hat. Weit über die Region hinaus bekannt ist die Stadt vor allem für ihr Hohes Grobgünstiges Narrengericht: Seit über 700 Jahren wird hier im Rahmen der Fasnacht, am Schmotzige Dunschtig, ein Prominenter aus Politik und Gesellschaft symbolisch „angeklagt" – eine Tradition, die auf ein Privileg des habsburgischen Herzogs Albrecht aus dem Jahr 1351 zurückgeht und bis heute Zuschauer aus dem ganzen Land in die Jahnhalle lockt. Die Fasnacht ist fester Bestandteil der Stockacher Identität. Doch abseits der närrischen Tage zeigt sich, wovon mittlerweile viele deutsche Kleinstädte betroffen sind: zunehmender Leerstand, schliessende Fachgeschäfte, eine Infrastruktur, die sich merklich ausdünnt – und das in Zentren, in denen früher Metzger, Bäcker und Kaufhäuser den Alltag prägten.
Das Entree
Wir nähern uns dem Zentrum Stockachs über die Oberstadt und erreichen den Marktplatz – einst offensichtlich das repräsentative Herzstück der Stadt. Ein historischer Brunnen prägt bis heute den Platz, umgeben von stattlichen Fassaden, die von einer Zeit erzählen, in der hier dicht an dicht Einzelhandelsgeschäfte und Gastronomiebetriebe für Leben sorgten. Davon ist an diesem Abend wenig zu spüren: Mehrere Schaufenster sind mit Papier verklebt, dahinter Leere. An anderer Stelle kleben Plakate von Immobilienmaklern in den Scheiben, dort, wo früher Auslagen den Blick auf sich zogen. Der Platz ist dicht beparkt – eine Fussgängerzone wurde hier offenbar nie konsequent durchgesetzt. Und doch: Zwischen den leeren Fronten fällt uns ein warm erleuchtetes Fenster auf, hinter dem sich etwas rührt. Ein schlichter Schriftzug weist uns den Weg zur Café Wunderbar. Wir betreten die Bar.
Bewertung: 2,5
Das Ambiente
Wer die Wunderbar betritt, ahnt zunächst wenig von dem, was die Bar in der überregionalen Wettbewerbsszene bereits erreicht hat. Der Raum ist klein, aber warm gestaltet: gedämpftes Licht, gepolsterte Sitzbänke und -nischen, dazu einige Tische mit Blick auf den Marktplatz. Ihre Wurzeln als Shishabar sind noch spürbar – hier und da steht eine Shisha bereit, der Duft von Tabak mischt sich dezent. Die Atmosphäre ist wohnlich, fast familiär. Die Bar selbst ist unscheinbar und wirkt fast improvisiert. Nur die Backbar lässt erkennen, dass die ursprüngliche Idee, ein paar Drinks für Gäste bereitzustellen, einem anspruchsvollen Cocktailkonzept gewichen ist: Auf engstem Raum steht ein spannender Mix aus Spirituosen, Equipment und Zutaten.
Bewertung: 3
Das Barteam
Hinter der Theke steht an diesem Abend Heike Stehle. Je nach Auslastung unterstützt von zwei Aushilfen, die am Wochenende mit ihr arbeiten. Die Industriemechanikerin betreibt die Bartätigkeit im Nebenerwerb – und ist dennoch längst über die Grenzen Stockachs hinaus bekannt: Bei der Made in GSA Competition 2024 gewann sie mit ihrem Cocktail „Seegfrörne", einer Komposition aus Doppelkorn, Beeren-Kräuterlikör und Kondensmilch, die Sonderkategorie „Likör, Wermut & Aperitif" – und wurde damit zur Überraschungssiegerin des Wettbewerbs. Auch bei den DRINKS Open sowie beim Bols Cocktail Battle 2026, bei dem sie mit ihrem Drink „Palm Beach" den dritten Platz belegte, trat sie erfolgreich an. Für uns ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit Stehle zwischen dem Alltag einer kleinen Quartierbar und der überregionalen Wettbewerbsszene wechselt. Am Tresen selbst erleben wir sie unaufgeregt und sehr zugewandt, erklärt Zutaten und Techniken mit sichtbarer Begeisterung. Man spürt: Hier arbeitet jemand aus Leidenschaft.
Bewertung: 2
Die Barkarte
Die Karte der Wunderbar ist saisonal ausgerichtet und steht zum Zeitpunkt unseres Besuchs ganz im Zeichen von Strand, Sonne und Fernweh. Aufgeteilt in eine Seite mit alkoholischen Drinks und eine Seite „Alles alkoholfrei". Der „CocoCherry" aus Rum, Kokos, Minze, Limette und Kirsche wird als einer der Haus-Klassiker, „neu interpretiert", angekündigt und der „Palm Peach" aus Pfirsich, Ananas, Sahne, Zimt und Blue Bols als „der Südsee ganz nah...". Auch einen Espresso Martini und einen Tinto de Verano entdecken wir auf der Karte. Besonders freut es uns, den „Honigschlecker" aus Tequila, Honig, Sanddorn und Schokolade auf der Karte zu sehen, mit dem Heike Stehle in diesem Jahr bei den DRINKS Open angetreten ist. Auf der alkoholfreien Seite setzt sich das sommerliche Konzept fort: „Strandperle", „Tinti" als kleine Schwester des Tinto de Verano, oder „Wölkchen" aus Milch, Zitrone und Zimt. Die Preise bewegen sich zwischen 5,50 und 9,50 Euro. Die Karte wirkt auf uns persönlich und voller Herzblut – man merkt, dass hier jemand Lust am Mixen hat.
Bewertung: 2,25
Mixed Drinks
Noch bevor wir überhaupt die Barkarte in der Hand halten, werden wir mit einem frischen Willkommensdrink überrascht. Hierfür verarbeitet Heike Stehle immer wieder Zutaten, die sie auf ihren Reisen und über ihr Netzwerk in der Wettbewerbsszene entdeckt hat. Anschliessend entscheiden wir uns für den „CocoCherry“ sowie den „Honigschlecker". Der CocoCherry überzeugt uns mit einer stimmigen Balance aus Kokos und Kirsche, aufgefrischt durch Minze und Limette – ein unkomplizierter, aber sauber neu interpretierter Mojito. Der Honigschlecker, mit dem Stehle bei den DRINKS Open antrat, zeigt für uns Kreativität, viel Gespür für die Zusammensetzung von Zutaten und bemerkenswertes Handwerk: Tequila trifft auf Honig, Sanddorn und Schokolade – eine ungewöhnliche Kombination, die auf den ersten Schluck überrascht und sich dann rund und harmonisch entfaltet.
Bewertung: 2
Speisen und Snacks
Eine eigentliche Speisekarte gibt es in der Wunderbar nicht. Zu unseren Cocktails erhalten wir eine kleine Schale mit Knabbereien – der Fokus liegt klar auf den Drinks.
Bewertung: 2,5
Musik und Entertainment
Während unseres Besuchs erleben wir einen bunten Mix aus Klassikern und aktuelleren Titeln. Etwas irritierend wirken auf uns zwei im Raum platzierte Fernseher, die nicht ganz zum sonst wohnlichen Charakter der Bar passen wollen. Gleichzeitig verstehen wir den Gedanken dahinter: Um über das Stammpublikum hinaus neue Gäste zu erschliessen – etwa für Fussball- oder Sportübertragungen – dürfte diese Ausstattung ein nachvollziehbarer, wenn auch stilistisch nicht ganz stimmiger Kompromiss sein.
Bewertung: 3
Service und Kommunikation
Der Service in der Wunderbar ist persönlich und unkompliziert. Heike Stehle nimmt sich Zeit für ihre Gäste, beantwortet Fragen zu Zutaten und Zubereitung mit spürbarer Begeisterung. Die Kommunikation ist entspannt und direkt.
Bewertung: 2
Barchef und Führung der Bar
Heike Stehles Weg in die Barbranche ist alles andere als klassisch – erst spät fand sie zur Berufung als Barkeeperin. Die Industriemechanikerin arbeitet nebenberuflich und als Angestellte in der Wunderbar – und doch ist sie es, die hier den Zauber der Mixologie hineinbringt. Statt einer einschlägigen Ausbildung eignete sie sich mit Hartnäckigkeit und Motivation das Handwerk grösstenteils selbst an und machte sich so einen Namen in der Wettbewerbsszene. Den Bezug zur kleinen Bar in Stockach hat sie dabei nie verloren. Nach unseren Gesprächen während unseres Besuchs ist für uns genau das die eigentliche Geschichte hinter der Wunderbar – nicht ein Konzept eines Inhabers oder einer Inhaberin, sondern das Engagement einer Mitarbeiterin, die mit viel Eigeninitiative aus einer gewöhnlichen Shishabar einen Ort gemacht hat, der überregional Beachtung findet.
Bewertung: 2
Produktkenntnis und Beratung
Heike Stehles Produktkenntnis überzeugt uns über den gesamten Abend hinweg. Auf Nachfrage erklärt sie nicht nur die Zutaten der Karte, sondern auch, welche Ideen in jedem Drink stecken.
Man merkt, dass sie sich mit Sanddorn, Kräuterlikören oder ungewöhnlichen Kombinationen wie Tequila und Schokolade nicht nur beiläufig beschäftigt, sondern intensiv mit ihnen experimentiert, bevor sie den Weg auf die Karte finden.
Bewertung: 2,25
Sauberkeit und Hygiene
Trotz der beengten Räumlichkeiten wirkt der Arbeitsbereich hinter der Theke aufgeräumt und durchdacht organisiert. Flaschen, Sirupe und Utensilien haben ihren festen Platz, auch auf kleinstem Raum. Gläser und Oberflächen machen während unseres Besuchs einen sauberen Eindruck. Weniger überzeugend zeigen sich die sanitären Anlagen: Eine ehemalige zweite Gasttoilette wurde von der Stadt zur Mitarbeitertoilette umfunktioniert – die verbleibende Toilette wird geschlechtsübergreifend genutzt.
Bewertung: 3
Tastings und Aktionen
Eigene Tastings im klassischen Sinn bietet die Wunderbar nicht an – dafür ist die Bar an anderer Stelle aktiv eingebunden: Sie beteiligt sich an regionalen Veranstaltungen, etwa im Rahmen der Stockacher Fasnacht oder bei Events lokaler Vereine: Statt auf ein eigenes Veranstaltungsformat zu setzen, sucht die Wunderbar die Einbindung in das bestehende Vereins- und Gemeinschaftsleben der Stadt. Auf überregionaler Ebene sorgt Heike Stehle mit ihren Teilnahmen an der Made in GSA Competition, den DRINKS Open und dem Bols Cocktail Battle für zusätzliche Sichtbarkeit – auch wenn diese Erfolge in erster Linie an ihre Person und weniger an ein Aktionsprogramm der Bar selbst gebunden sind.
Bewertung: 2,5
Social Media & Networking
Auf Instagram ist das Café Wunderbar unter @cafe_wunderbar_stockach mit rund 720 Followern vertreten – dies ist überschaubar, wird aber mit erkennbarer Regelmässigkeit gepflegt. Auch auf Facebook ist die Bar präsent. Die Beiträge zeigen vor allem Einblicke in das Angebot der Bar. Heike Stehles persönliche Wettbewerbserfolge finden sich dagegen auf ihrem eigenen Account @stehleheike, wo sie ihre Teilnahmen und Kreationen dokumentiert – getrennt vom offiziellen Auftritt der Bar. Über die Wettbewerbsszene hinaus ist Stehle auch für Gastschichten in anderen Bars unterwegs und knüpft so aktiv Kontakte über Stockach hinaus. Für uns wirkt der Bar-Account selbst bodenständig und ohne grössere Ambitionen auf Reichweite, während die eigentliche Vernetzung in der überregionalen Barszene über Stehles persönliches Engagement läuft. Eine engere Verzahnung beider Auftritte könnte hier ungenutztes Potenzial heben.
Bewertung: 2,5
Preis und Leistung
Die Preise in der Wunderbar bewegen sich zwischen 5,50 Euro für die alkoholfreien Kreationen und 9,50 Euro für die aufwendigeren Cocktails wie den „Palm Peach" oder den Espresso Martini. Für eine Kleinstadt wie Stockach ist das ein faires, alltagstaugliches Preisniveau. Für den handwerklichen Aufwand, den Heike Stehle in ihre Kreationen steckt, empfinden wir das Preis-Leistungs-Verhältnis als sehr angemessen.
Bewertung: 1,5
Fazit
Als wir die Wunderbar verlassen, bleibt vor allem ein Gedanke hängen: wie sehr ein Ort wie dieser durch eine einzige Person lebt. Heike Stehle hat aus einer gewöhnlichen Shishabar mit Neugier, Eigeninitiative und Leidenschaft einen Geheimtipp gemacht, der weit über Stockach hinaus wahrgenommen wird. Genau darin liegt aus unserer Sicht auch die Verletzlichkeit dieses Konzepts: Was, wenn Heike sich eines Tages woanders bewerben würde oder ganz aufhören würde? Die Vorstellung, dass die Wunderbar ohne sie weiterbestünde, fällt schwer – und ist doch eine Frage, die sich jede Kleinstadt stellen muss, deren Gastronomie an Einzelpersonen statt an tragfähigen Strukturen hängt. Umso mehr freut es uns zu sehen, welche Wertschätzung Heike Stehle in ihrem Umfeld entgegengebracht wird: von Stammgästen, der regionalen Vereinsszene und nicht zuletzt der überregionalen Wettbewerbsszene. Am Marktplatz in Stockach ist die Wunderbar ein kleines, aber unübersehbares Zeichen dafür, dass Kleinstädte nicht zwangsläufig verwaisen müssen – solange es Menschen gibt, die mit Hartnäckigkeit dagegenhalten.
Adresse
Wunderbar
Kaufhausstraße 7
78333 Stockach-Hindelwangen