Joey Gleitsmann: Pinta Cocktailbar, Dresden
Jeder Abend ist eine Mini-weltreise
Unser Barstaff Porträt rückt Barkeeperinnen und Barkeeper aus unseren Lieblingsbars in den Fokus. Dieses Mal Joey Gleitsmann, der in der Pinta Cocktailbar in Dresden als Barkeeper tätig ist. Wir trafen ihn zum Gespräch über Guestology statt Mixology, fiktive und echte Vorbilder und die Vielfalt des Barlebens
DRINKS: Wie bist du an die Bar gekommen?
Joey Gleitsmann (JG): Aufgewachsen bin ich zwischen Pizzadampf und Passkontrollen – schon als Kind hat mich das Leben an der Seite meines Vaters, der als Reiseveranstalter um die Welt reiste, geprägt. Durch die Begegnung mit verschiedenen Kulturen, Aromen und Perspektiven wurde mein Entdeckergeist früh geprägt und ist bis heute unersättlich. Neben einem Hauch italienischer Gelassenheit brachte mir mein Stiefvater auch das Dolce Vita auf den Teller – inklusive eines kurzen Intermezzos in Italien.
Die Gastronomie war dabei immer allgegenwärtig: Meine Eltern führten ein italienisches Restaurant, das gleichzeitig Spielplatz, Schule und später Sprungbrett war. Ursprünglich wollte ich Architekt werden, doch wie das Leben so spielt, landete ich in der Ausbildung zum Restaurantfachmann – ein Glücksfall, wie sich schnell zeigte. Meine erste Begegnung mit der Barwelt hatte ich im Tillmann’s in Chemnitz, einer Restaurant-Bar, die mir nicht nur Drinks, sondern auch Möglichkeiten servierte.
Den wahren Einstieg verdanke ich meinem „Meister“ – einem Mentor, der mir das Handwerk mit Ernst, Humor und einem feinen Gespür für Substanz beibrachte. Es folgten Stationen in Chemnitz, dann der Wechsel nach Dresden, der Aufbau des Buddha Palace und schließlich fand ich meine aktuelle Heimat: die Pinta Cocktailbar in der Dresdner Neustadt. Hier darf ich nicht nur mixen, sondern auch gestalten – gemeinsam mit einem Team, das Herz und Haltung hat. Parallel dazu wächst meine Leidenschaft für Wein – als sensorische Erweiterung, nicht als Ersatz. Die Aromenlehre fasziniert mich ebenso wie die Psychologie, Philosophie und die Frage, was Genuss eigentlich wirklich auslöst.
DRINKS: Deine aktuelle Arbeit?
JG: Ich arbeite aktuell in der Pinta Cocktailbar – mit 35 Jahren die älteste Cocktailbar der Stadt, aber alles andere als stehen geblieben. Seit der Übernahme durch Christian Hürtgen vor drei Jahren hat sich die Bar vom 90er-Jahre-Becher zur modernen Barkultur entwickelt: klassisch geprägt, kulinarisch ambitioniert und technisch up to date. Mit einem Sortiment von rund 1200 Spirituosen haben wir genug Spielraum für kreative und präzise Drinks. Unser junges, engagiertes Team arbeitet saisonal, regional und nachhaltig. Zudem bringen wir uns immer aktiver in die Bar Community ein, um gemeinsam weiterzuwachsen.
DRINKS: Deine persönliche Bar- und Lebensphilosophie?
JG: Barphilosophie: Wir brauchen mehr Guestology statt Mixology (Shoutout an Jörg Meyer). Es ist ja alles gut und schön, dass wir wahnsinnig geile Drinks machen. Aber kommt es nicht eigentlich darauf an, dass ein Gast, welcher den Laden betritt – egal, ob er gut gelaunt ist oder Tränen in den Augen hat – diesen mit einem Lächeln verlässt? Lebensphilosophie: Tu es oder tu es nicht, es gibt kein Versuchen.
DRINKS: Deine Vorbilder und wenn ja, weshalb?
JG: Eines meiner Vorbilder ist tatsächlich fiktiv: Anthony „Tony“ Edward Stark, weil er zeigt, dass Scheitern kein Ende ist, sondern der Start in etwas Besseres. Der Genie-Playboy, der sich ständig neu erfindet – in Technik, Haltung und Menschlichkeit. Mit cleverem Humor, unerschütterlichem Willen und genug Selbstzweifeln, um nie stehen zu bleiben. Mein Vorbild in der Barwelt ist Betty Kupsa vom The Chug Club in Hamburg. Sie ist nicht nur Deutschlands Agaven-Botschafterin, sondern sie bringt auch eine unglaublich positive Energie mit, die sofort ansteckt. Ich bewundere ihren Humor, ihre Leidenschaft und dass sie ihr Wissen so selbstverständlich teilt. Jedes Gespräch mit ihr ist inspirierend – fachlich wie persönlich.
DRINKS: Was bereichert dein Barleben im Besonderen?
JG: Ich würde sagen, mein Barleben ist wie ein Schweizer Taschenmesser der Arbeiterklasse: vielseitig, robust und immer für eine Überraschung gut. Es ist weit mehr als nur Flaschen öffnen und Gläser polieren. Ich treffe Menschen aus allen Ecken der Welt, tauche in neue Kulturen ein und lerne die feinen (und manchmal sehr wilden) Unterschiede in Geschmack und Trinkverhalten kennen. Das ist wie ein Fernstudium der Soziologie, nur mit besserem Alkohol.
Dabei ist jeder Abend eine Miniweltreise: Mal ist es ein französischer Connaisseur, der dir erklärt, warum sein Cognac besser ist als deine Meinung, mal ein Tourist, der denkt, Tequila sei ein Freigetränk. Zwischendurch wird man nebenbei zum halben Psychologen, DJ, Krisenmanager und Chemiker. Es ist diese Vielfalt, das ständige Dazulernen und überrascht werden, das mein Barleben so spannend macht. Und ganz ehrlich: Wo sonst kann man um drei Uhr morgens mit einem Shaker in der einen und Lebensweisheiten in der anderen Hand die Welt retten?
DRINKS: Deine persönlichen Spirits und Drinks? Welche und weshalb?
JG: Unangefochten auf Platz eins: Mezcal. Nichts schreit mehr nach einer mystischen Nacht als der Heilige Gral der Spirituosenwelt mit mehr Charakter, Tiefe und philosophischer Weitsicht als ein Buch von Ernest Hemingway. Auf Platz 2: das grüne Gold, Chartreuse Verte, zum Beispiel im Closing Argument. Die Nummer 3 ist eher für den Daydrinker in mir: Wermut. Ob auf Eis, mit Soda, im Manhattan oder im Martini. Jede Art von Traube lässt in so gut wie jeder Lebenslage mein Herz höherschlagen.
Mein Lieblingsdrink hingegen befindet sich in einer Flasche mit rund 49 Millionen Bläschen: Champagner ist kein alkoholisches Mittel zum Zweck, sondern ein Lebensgefühl. Danach folgt klar ein friesisch, frisches Jever. Oder ein eiskalt, knackiger Dry Martini im Verhältnis von 7:1 oder 4,5:4,5, wenn Dolin Chambery Dry im Haus ist – natürlich mit Zitronenzeste.
DRINKS: Deine Meinung zu Wettbewerben und wie gewinnt man einen Wettbewerb?
JG: Zunächst muss ich erwähnen, dass ich noch nie einen Wettbewerb gewonnen habe und dies nur schwer beurteilen kann. Ich würde Folgendes empfehlen: Lies dir die Regeln ordentlich durch! Wie oft werden gute Bartender disqualifiziert, weil sie einfach Regeln nicht beachtet haben. Jeder Mensch hat einen anderen Geschmack und persönliche Präferenzen. Lerne deshalb die deiner Juroren kennen, dann stehst du schon mal selbstsicherer da. Lerne auch die Produkte der Sponsoren in- und auswendig kennen.
Sich mit Kollegen aus aller Welt auszutauschen und Kontakte zu knüpfen, ist nicht nur einer der besten Aspekte eines Wettbewerbs, sondern auch unseres Jobs. Ich bin jedes Mal selbst erstaunt, wie viel man bei einem Wettbewerb dazulernen kann. Ebenso vermitteln sie das Gefühl einer echten Gemeinschaft, ohne dass ein Konkurrenzdenken entsteht.
DRINKS: Dein Ausgleich zur Bar?
JG: Hauptsächlich Skateboarden, aber auch fast jede andere Art von Brett unter den Füßen begleitet mich seit der Kindheit. Klettern war lange mein Ausgleich und Bücher sind meine eigentliche Droge: Fachliteratur, Philosophie, Genuss und ab und an auch mal ein guter Roman. Ich glaube, wer Geschmack ernst nimmt, darf auch verspielt sein. Und wer hinter der Bar steht, sollte mehr können als nur mixen, sondern auch zuhören, lesen und verbinden.
DRINKS: Joey, herzlichen Dank für das Gespräch!
Infos
Name und Ort derzeitige Bar
Pinta Cocktailbar, Dresden
Ausbildungstationen
2013-2016 Ausbildung zum Restaurantfachmann, Schlosshotel Klaffenbach, Chemnitz
2016 Restaurantfachmann, Tillmann’s, Chemnitz
Berufliche Stationen
2017-2018 Viva Mama Joe’s, Chemnitz
2019-2020 Hotel an der Oper, Chemnitz
2020 Feel Good Club, Chemnitz
2021-2023 Buddha Palace, Dresden
2023 Twist Bar, Dresden
2019- heute Bartender für verschiedene Dritte
Wettbewerbe & Erfolge
2018 Finale, Made in GSA Competition, Frankfurt am Main
2025 Finale, DRINKS OPEN 2025, Konstanz
Donserac
Joey Gleitsmann, Pinta Cocktailbar, Dresden
Zutaten:
7cl Sierra Tequila Antiguo Añejo
1cl Rosa Pfeffer Sirup
2 dsh Peychaud’s Bitters
1 dsh Angostura Bitters
Top-up Absinth-Lecithin-Schaum*
Glas: Tumbler
Zubereitung: Alle Zutaten in ein Rührglas geben. 20 Sekunden bei drei Umdrehungen pro Sekunde kalt rühren. Das Glas vorkühlen oder aus dem Tiefkühlschrank nehmen. Den gerührten Drink in das gekühlte Glas geben und die Absinth-Lecithin-Luft auf den Drink setzen.
* Absinth-Lecithin-Schaum
5 cl Absinth
5 cl Wasser
1 g Soja Lecithin