Im Reich der Sinne


Begrabe sämtliche Vorurteile, bevor du die Grenze zum Koninkrijk der Nederlanden überschreitest. Denn das Nachbarland, das nicht viel größer ist als Baden-Württemberg, hat Feinschmeckern und Feintrinkern weit mehr zu bieten als das Banale, das viele von uns dort vermuten. Unser „Reiseführer“ und Autor weiß, wovon er spricht: Karl Rudolf hat vier Jahre in den Niederlanden gelebt.



So ein bromfiets ist ein nuttig zaak im Verkehr, aber wenn du mal borrelen gaan willst, lässt du es am besten stehen. Wie bitte? Vor dem Schreiben schon Genever gesüffelt zur „Einstimmung“ und folglich frivol geworden? Jetzt nur keine voreilige Empörung: Die nuttig zaak, zu Deutsch: nützliche Sache, sollst du nur deswegen stehen lassen, weil du eventuell deine „Pappe“ – hier: rijbewijs – loswerden könntest nach dem borrelen, vulgo Zechen. Denn ein bromfiets ist ein fiets (Fahrrad), das brommt (brummt), also einen Motor hat und in unseren Breiten Moped genannt wird. Vermutlich kommst du mit so einem „Brummrad“ in Amsterdam schneller voran als mit einem vierrädrigen Untersatz. Aber falls du die Gelegenheit bekommen solltest, mit Piet van Leijenhorst den einen und anderen Genever zu slurpen, wirst du danach Mühe haben, auf dem Zweirad das Gleichgewicht zu halten. Der Mann, der zu Jahresbeginn auf einer Deutschlandtour Barkeepern und Journalisten Hollands (ja, hier Hollands) nationaal borrel vorstellte, ist Bols’ hoofdstoker, was in Zeiten globaler verbaler Anglisierung tunlichst mit Master Distiller zu übersetzen ist. Die Familie Bols begann 1664 (Knabe Lucas, der als eigentlicher Gründer der Firma gilt, war eben zwölf Jahre alt) mit dem Brennen von Genever. Anno 1820 wurde das Rezept für diesen Ge- Firmengründer Lucas Bols never festgeschrieben und dieses Originalrezept hat der Master Distiller Piet van Leijenhorst unlängst höchst behutsam verfeinert. Es war ein Mann namens Van’t Wout, der vor 190 Jahren dieses Rezept und alle andern des Hauses Bols niederschrieb. Er tat das als der neue Eigentümer der Firma: Diese war vier Jahre zuvor von Lucas Bols’ Ur-Ur-Urenkelin an ihn verkauft worden, weil ihr Vater keinen männlichen Erben hinterlassen hatte und Frauen zu jener Zeit in diesem Land keine Firma besitzen durften. Bols wurde also unter der Bedingung verkauft, dass der Firmenname Erben (niederl.: Erven) Lucas Bols bestehen bleibe. Er besteht bis heute, nachdem die Firma eine Familie Woltzer, eine Aktiengesellschaft und von 2001 bis 2006 Rémy Cointreau als Eigentümer hatte. Seither ist sie wieder in niederländischen Händen: AAC Capital Partners.


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