Klassiker

Der Henkell vom Enkel …
aus Ausgabe Drinks 2006 - 1

Vor 150 Jahren begann der Mainzer Weinhändler Adam Henkell mit der Herstellung von schäumendem Wein. Möglicherweise gäbe es heute aber wenig Grund für eine große Jubiläumsfeier, hätte nicht Adams Enkel Otto das Geschäft mit dem Sekt ausgebaut und mit der Marke Henkell Trocken den Grundstein für ein Imperium gelegt.

Er war nicht der erste Deutsche, der eine Cuvée aus verschiedenen Weinen erneut vergären ließ und mit der dabei entstandenen Kohlensäure als »Schaumwein« auf Flaschen zog. Als Adam Henkell 24 Jahre nach der Gründung seiner Weinhandlung auch mit dem Versekten begann, stellten 42 andere Kellereien insgesamt pro Jahr schon mehr als eine Million Flaschen Sekt her.

Das Wort ›Sekt‹ oder ›Sect‹ war damals noch jung. Der Schauspieler Ludwig Devrient hatte für seine allmähliche Verbreitung gesorgt, als er 1825 in der Weinstube von Lutter und Wegener am Berliner Gendarmenmarkt aus Shakespeares ›Heinrich IV.‹ zitierte: »Bring mir Sekt, Bube – ist keine Tugend mehr auf Erden?« Bis dahin stand »Sekt« als Synonym für spanischen Wein im allgemeinen und für Sherry im besonderen. Da Devrient aber für gewöhnlich Champagner zu trinken pflegte, servierte ihm der Pikkolo auch an jenem Abend schäumenden Wein. Die Sitte, solchen als »Sekt« zu bestellen, verbreitete sich von Berlin über das ganze Deutsche Reich aus. Als Adam Henkell, der sich in Frankreich das Wissen um die Herstellung dieses Getränks angeeignet hatte, seinen ersten Schaumwein schuf, etikettierte er ihn vielleicht à la mode als »Vin Mousseux«, vielleicht aber auch als »Schaumwein«. Diesen Begriff hatte Johann Gottfried Herder aus dem französischen vin mousseux nachgebildet.

Laut Geschäftsbüchern wurden von Henkell im Gründungsjahr 1856 bereits 12.000 Flaschen mit Schäumendem aus eigener Herstellung gefüllt. Das war nicht einmal halb so viel wie die durchschnittliche Produktion jedes etablierten Konkurrenten – aber Adam Henkell betrieb das Geschäft mit dem Sekt auch nur nebenbei; in erster Linie war er Weinhändler.

Die übernächste Generation machte den Namen Henkell zu einer Marke, die im doppelten Wortsinn heute in aller Munde ist. Otto, ein Enkel von Adam Henkell, hielt den Weinhandel für weit weniger zukunftsträchtig als die verstärkte Herstellung von Sekt. In seinem Tagebuch schrieb er: »Damals faßte ich die Idee, daß wir uns hauptsächlich auf das Sektgeschäft werfen müßten und daß zu diesem Zweck allerdings erst der Name Henkell bekannt zu machen sei.« Otto Henkell kannte sich aus in der Welt der Weine. Sein Wissen über die Sorten und ihre Eigenschaften half ihm bei der Zusammenstellung der Cuvée für einen Sekt, den er im Jahr 1894 als »Henkell Sekt Trocken« auf den Markt brachte. Erst mit diesem Sekt war der schäumende Wein aus dem Hause Henkell – nach 38 Jahren! –
zu einer Marke geworden. Das Wort »Sekt« im Markennamen wurde ein Opfer des trägen Volksmunds – die noch junge Marke entwickelte sich unter dem Namen Henkell Trocken zur prickelnden Berühmtheit.

Diesem »Henkell vom Enkel« wurde mit für damalige Verhältnisse unüblichen Werbekampagnen der Weg in die Köpfe und die Kehlen der potentiellen Konsumenten geebnet. Otto Henkell ließ die Reklame – zu jener Zeit sprach noch niemand von Werbung – für seine Kreation von namhaften Künstlern entwerfen und in vielgelesenen Blättern wie etwa dem ›Simplicissimus‹ abdrucken. Bereits zum Start der Marke hatte er stolze 3.000 Mark für Reklame ausgegeben – eine damals enorme Summe.












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