Klassiker

Ein Geheimnis in fünfter Generation
aus Ausgabe Drinks 2006 - 2

Nur drei Familienmitglieder und drei Geistliche kennen das Rezept, nach dem der Underberg hergestellt wird. Die kleine Flasche mit der großen Kräuterspirituose ist stabiles Fundament eines internationalen Unternehmens, in dem nun die fünfte Generation das Ruder führt.

Am 17. Juni des Jahres1846, dem Tag seiner Hochzeit mit Catharina Albrecht, gründet der Rheinberger Bürger Hubert Underberg die Firma H. Underberg Albrecht. Es heißt, damals sei’s der Brauch gewesen, in den Firmennamen auch den Mädchennamen der Frau einzubinden, aber die begüterte Catharina hatte wohl auch pekuniär zur Firmengründung beigetragen. Aktiv ist sie außerdem: Sie gehört als Prokuristin zur Firmenleitung. Ziel des jungen Unternehmens sind Herstellung und Vertrieb eines Magenbitters. Die Idee dazu war in Hubert Underberg in den Niederlanden während seiner Ausbildung zum Kaufmann gereift. In den Gasthäusern von Rotterdam und Amsterdam hatte er eine Mischung aus Kräuterelexieren und Genever kennengelernt, die aber von Glas zu Glas anders schmeckte. Als Hubert Underberg zurück ist in Rheinberg, macht er sich ans Experimentieren – den Umgang mit Kräutern hat er schließlich schon als Kind gelernt: Pflanzenkunde hatte es ihm schon immer angetan, und der Posthalter, der nebenbei »Lebenswässerchen« produzierte, hatte ihn alles gelehrt, was zur Verarbeitung von Kräutern nötig ist.

Jetzt hat er also seine Firma gegründet. Das Rezept für seinen ›Boonekamp of Maagbitter‹ teilt er nur mit seiner Frau. Underbergs Magenbitter wird ein Renner, und es dauert nicht lange, bis die Belegschaft auf 30 Mitarbeiter angewachsen ist. Hubert Underberg bezieht Kräuter aus 43 Ländern. Die Aromen und Wirkstoffe entzieht er den Zutaten in einer warmen Mazeration, einem Gemisch aus Alkohol und Wasser. Hubert I. ist aber nicht nur Kräuterkundiger, er beherrscht außerdem die Kunst des Marketings, auch wenn dieser Begriff zu der Zeit noch unbekannt ist. Die Flaschen, in die er seinen ›Boonekamp of Maagbitter‹ füllt, umwickelt er mit Strohpapier. Das fällt auf und schützt zudem den Inhalt vor Licht. Vor Nachahmern schützt es das Produkt aber nicht. Der erstens durch Mundpropaganda und zweitens durch für damalige Zeiten ungewöhnliche Werbekampagnen bis Wien und Königsberg bekannte Bitter aus Rheinberg wird kopiert, was das Zeug hält.

Um den Produktpiraten ihr Tun zu erschweren, deponiert Firmengründer Hubert am 25. August 1851 eine Flasche seiner Marke beim Handelsgericht in Krefeld. Die Botschaft ist klar: Nur Flaschen in der hinterlegten Form und mit dem Etikett, das seine Unterschrift trägt, sind die originalen Bitters. Nun sammeln »Piraten« leere Underberg-Flaschen, füllen sie mit ihren eigenen Erzeugnissen und verhökern sie als »Original-Underberg«. Hubert muß zahlreiche Prozesse führen, um den Schutz seiner Erfindung zu sichern. Um diese mit einem gewissen Mythos zu umgeben, gibt er am 24. Januar 1857 einem Notar das zu Protokoll:
»Hubert Underberg erklärt vor seinen Beschäftigten und einundzwanzig Rheinberger Bürgern, daß er seinen Boonekamp of
Maagbitter selbst erfunden hat und daß er das Geheimnis des Rezeptes und der
Bereitung nur seiner Ehegattin mitgeteilt
und daß er dieses Geheimnis an Dritte
weder verkauft, verschenkt, vertauscht oder auf irgendeine andere Weise veräußert
habe und dies auch niemals tun werde.«
So kam das Rezept von Hubert dem Ersten auf dessen Sohn Hubert den Zweiten, von diesem an das Dreigestirn Joseph, Carl und Emil I. (Söhne Huberts II.), danach auf die Cousins Carl Hubertus und Emil II. Da Carl Hubertus am 26. August 1981 aus der Firma Underberg ausschied, ist diese seit einem Vierteljahrhundert alleiniges Eigentum dieses Zweiges der Rheinberger Familie Underberg.

»Semper idem«, lautet deren Motto. Das ist mit »immer gleich« zu übersetzen und bezieht sich auf Rezept, Herstellungsverfahren und Qualität des Produkts. Über das Rezept wurde nach draußen nie mehr bekannt, als daß es Zutaten aus 43 Ländern – und nicht, wie häufig kolportiert, 43 Zutaten –, feinen Alkohol und bestes Brunnenwasser vorsieht. Kontrolle, Auswahl sowie Zusammenstellung der Kräuter war und ist Familienangelegenheit. Heute machen das Emil (II.) Underberg, seine Ehefrau Christiane und die Tochter Dr. Hubertine Underberg-Ruder, die von ihrem Vater im August 1991 in das Underberg-Geheimnis eingeweiht und im Oktober jenes Jahres zur Präsidentin des Verwaltungsrates der Schweizer Muttergesellschaft – der Underberg AG Zürich – berufen wurde.

Das Herstellungsverfahren ist, wie’s die Devise »semper idem« verspricht, im Prinzip identisch mit dem, das der Firmengründer austüftelte. Falls an diesem Verfahren je etwas verändert wurde, dann könnte das nur der Optimierung des Produktes gedient haben. Um zu ergründen, was an dieser weltweit geschätzten Kräuterspirituose noch zu »verbessern« wäre, ist es angebracht, ihr sozusagen auf den Grund zu gehen. Also:

Das selbstauferlegte Reinheitsgebot läßt keine anderen Zutaten zu als natürliche Kräuter, natürliche Vitamine, natürlichen – nicht zugesetzten! – Zucker, hochwertigen Alkohol und frisches Brunnenwasser. So ist der Underberg ein Naturprodukt im besten Wortsinne. Er enthält so viel an Vitamin B1, wie für den Abbau des Alkohols benötigt wird, den er enthält, dazu natürliche Antioxidantien, also Stoffe, die Zellschädigungen vorbeugen. Er entspannt, er beruhigt, er fördert die Verdauung. Vor allem aber ist dieser Underberg eine sehr bekömmliche Spirituose. Das liegt daran, daß ihm kein Zucker zugesetzt wird und, noch wichtiger, daß er äußerst histaminarm ist.

Die Vermutung liegt nahe, daß der nur minimale Histamingehalt Folge des Engagements von Emil (II.) Underberg ist. Der gilt als Pioner der histaminfreien – oder zumindest histaminarmen – Getränke. Histamin, eine natürliche, körpereigene Substanz, die auch in Getränken und in Lebensmitteln vorkommt, kann zu gefährlichen Reaktionen im Körper führen und gilt als einer der Gründe für die starke Zunahme von Allergien. Da der Alkohol die schädlichen Wirkungen des Histamins verstärkt, werden alle Produkte des Unternehmens Underberg ständig auf ihren Histamingehalt überprüft. Der Sekt aus dem zur Underberg-Gruppe gehörenden Haus Schlumberger war mutmaßlich der erste Schaumwein überhaupt, den man de facto histaminfrei nennen könnte, was de jure allerdings nicht zulässig ist.

Der zweite Emil widmet sich höchst engagiert diesem Problem. Der erste agierende Underberg dieses Namens hatte einen anderen Meilenstein in der Firmengeschichte gesetzt. Dieser jüngste der seinerzeit »regierenden« drei Underberg-Brüder galt als treibende Kraft des Unternehmens. Als sein älterer Bruder Joseph 1946 starb und ihm seine Firmenanteile hinterließ, hatte Emil I. genug Einfluß, um nach seinen Vorstellungen aus einer bekannten Marke einen exclusiven Markenartikel machen zu können. Das gelang ihm vor allem mit einem reichlich radikalen Entschluß: Als – nach kriegsbedingtem Produktionsstop – am 1. September 1949 die Produktion des Magenbitters (der schon seit 1896 nur noch als Underberg in Umlauf kam) wieder anlief, wurde der jetzt ausschließlich in Portionsfläschchen abgefüllt. Die Wirte reagierten empört darauf und boykottierten Underberg. Emil Eins jedoch ließ sich nicht beirren. Mit dieser Gebindegröße schlug er gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe: Er bewies Rücksichtnahme auf die seinerzeitige Rohstoffknappheit, er konnte das Produkt weit streuen und erzielte einen enormen Werbeeffekt.

Er hätte vielleicht vier Zentiliter des Underbergs in ein Fläschchen doppelter Größe gefüllt, hätte nicht sein Großvater Hubert I. zu der Weltausstellung 1867 in Paris von Glasbläsern auf der Insel Murano ein exclusives Sti(e)lglas anfertigen lassen. Es war – und ist noch – 24 Zentimeter hoch, überragte alle anderen Gläser auf jeder Tafel und machte den Underberg so zum auffälligen Schlußpunkt jedes festlichen Essens. Dieses Glas faßte zwei Zentiliter, und Emil der Erste sah keinen Grund, an dieser bewährten »Underberg-Portion« irgendetwas ändern zu müssen.

Heute werden täglich eine Million dieser augenfälligen Fläschchen mit der so geheimnisvollen wie berühmten Kräuterspirituose gefüllt. Abgefüllt wird in Berlin, nicht allein der Underberg, sondern alle Portionsflaschen des Konzerns. Die eigentliche Herstellung – für längere Zeit ebenfalls nach Berlin ausgelagert – findet wieder in Rheinberg statt. Dort reift der Underberg auch monatelang in Fässern aus slowenischer Eiche, damit sich seine zahlreichen aromatischen und wohltuenden Bestandteile zu einer harmonischen Einheit verbinden können. Eine weitere Lagerung wird dem Underberg vor der Abfüllung in Berlin zugestanden.

Es bedarf eines riesigen Aufwandes, aus Kräutern, Alkohol und Wasser ohne »Kosmetik« und ohne Chemie eine Spirituose vom Rang eines Underbergs herzustellen. Der ist zwar in erster Linie »Wirkungsspirituose«, aber durchaus auch ein Genußmittel. Das läßt sich freilich dann nicht merken, wenn der Konsument den Fläschchenhals zwischen die Zähne klemmt und den Inhalt halsabwärts rinnen läßt in einem Zug. Die einzig wahre Möglichkeit, den Underberg genießen zu können, ist diese:

Ins Stilglas eingießen. Zunächst das klare, helle Bernsteinbraun betrachten: Das Auge genießt mit! Noch immer nicht trinken, sondern riechen: Ein ganzer Kräutergarten tut sich in der Nase auf. Keine Spur von einem unangenehmen Geruch – vielmehr ein geradezu einladender Duft. Jetzt einen Schluck nehmen, keineswegs die ganzen zwei Zentiliter. Den »auf der Zunge zergehen« lassen. Zu Beginn eine verhaltene Süße – jawohl, Süße! Dann Kräuter, Kräuter, Kräuter und milder Alkohol. Da kratzt nichts, da brennt nichts und da zieht nichts die Mundwinkel zusammen. Schlucken – und diese Wärme geht vom Mund in den Magen. Das Glas nun leeren und dabei gleich vorgehen wie beim ersten Schluck. Jetzt sind die positiven Eindrücke sogar noch stärker. Nachschenken …

Eigentlich ist’s nicht verwunderlich, daß aus einer so kleinen Flasche ein so großer Konzern wuchs.
Karl Rudolf














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