Klassiker

Ein Bestseller aus zwei Brennereien
aus Ausgabe Drinks 2006 - 3

Die Marke ist der meistverkaufte Bourbon, der zweitgrößte Whiskey aus den Vereinigten Staaten von Amerika und die Nummer 5 auf der Liste der weltweit gefragtesten Whisk(e)ys: Jim Beam ist benannt nach einem verdienstvollen Mitglied jener deutschstämmigen Familie, die Meilensteine gesetzt hat am langen Weg des Bourbon Whiskeys.

Das Kapitel ›Familiengeschichte‹ der Marke endete, als James Beauregard Beam und sein Sohn T. Jeremiah 1945 von ihrem Geschäftspartner Harry Bluhm ausgekauft wurden: Die vierte und fünfte Generation mußten abgeben, was Jacob Beam Ende des 18. Jahrhunderts begonnen hatte. Dieser Jacob, der Nachfahre eines deutschen Einwanderers namens Böhm (einigen Quellen zufolge soll er selbst dieser Einwanderer gewesen sein und seinen Familiennamen in Beam umgeändert haben), war von Pennsylvania über Maryland nach Kentucky gekommen und hatte dort mit dem Brennen von Whiskey begonnen. Die Firmengeschichte berichtet, er habe 1795 sein erstes Faß Whiskey verkauft, und folglich wurde jenes Jahr zum offiziellen Gründungsjahr des Hauses erhoben. Jacobs Sohn David und dessen Sohn David M. Beam bauten den Familienbetrieb aus, nannten ihn Old Tub Distillery und verbuchten mit dem Whiskey dieses Namens bereits erste Erfolge.

Der größte Teil des Kapitels ›Familiengeschichte‹ steht James »Jim« Beauregard Beam zu, dem Urenkel Jacobs. Sein Vater David M. hatte die Brennerei 1854 ins Nelson County verlegt, um näher an Kentucky erster Eisenbahnstrecke zu sein, und »Jim« wurde mit 16 Jahren in den Betrieb aufgenommen. Als er 30 Jahre alt war, 1894, übernahm er mit seinem Schwager die Brennerei, die ab diesem Zeitpunkt als Beam & Hart Old Tub Distillery firmierte.

Über jenen Schwager schweigt sich die Firmenhistorie aus, James »Jim« Beauregard Beam hingegen ging als der Mann in die Annalen ein, der aus einem Familienbetrieb ein Industrieunternehmen machte. Zunächst jedoch setzte die Prohibition der Old Tub Distillery ein Ende: Jim – wie wir ihn fortan nur noch nennen wollen – verkaufte alle Anlagen der Destillerie, baute in Florida Zitrusfrüchte an, war im Kohlebergbau tätig und leitete zuletzt einen Steinbruch.

Aber er hatte »den Whiskey im Blut« und fing nach dem Ende der unseligen Prohibition umgehend wieder mit dem Brennen an, jetzt in einer neuen Destillerie in Clermont. Sein John T. Jeremiah, mittlerweile auch schon in den Dreißigern, unterstützte ihn dabei. Zur Finanzierung des Neubeginns nahmen sich die Beams Harry Blum als Partner. Die treibende Kraft war über Jahrzehnte jedoch Jim Beam, auch »Big B« genannt. Er war es, der den Hefestamm züchtete, der bis heute die Maische für den Beam’schen Whiskey gären läßt. Ab 1942 kam der Bourbon von James B. Beam in Clermont als erster Whiskey der Familie unter dem Namen Jim Beam auf den Markt.

Drei Jahre später war dieser Whiskey zwar nicht mehr im Familienbesitz, aber er blieb ein Beam-Produkt und ist es noch heute: Jims Sohn T. Jeremiah war ab 1947 als Master Distiller verantwortlich für die Produktion. Er holte den Sohn seiner Schwester in den Betrieb. Dieser, Booker Noe, wurde schon zu Lebzeiten eine Legende, nicht zuletzt durch Booker’s Bourbon, den ersten Whiskey dieses Hauses, der in Faßstärke und nicht kaltgefiltert abgefüllt wurde. Dafür kamen nur jene Destillate in Frage, die am besten gereift waren, und da es davon naturgemäß nur eine kleine Menge gab, benutzte Booker Noe für diesen limitierten Whiskey den Begriff ›Small Batch Bourbon‹.

Booker Noe, zuletzt Master Distiller Emeritus und Botschafter des Bourbon, starb 2004. Heute ist sein Sohn, Fred Noe, dafür verantwortlich, daß ein Beam-Whiskey immer ein Beam-Whiskey ist, erzeugt nach den Regeln, die der Mann aufgestellt hatte, mit dem die Neuzeit der berühmten Marke begonnen hatte: James Beauregard Beam, genannt Jim.

Die Brennerei in Clermont reichte irgendwann nicht mehr aus, und so wurde 1953 eine zweite in Boston errichtet. Beide Brennereien sind zwar fast gleich ausgestattet und arbeiten auf die gleiche Art nach demselben »Rezept«, ihre Destillate unterscheiden sich jedoch – meint zumindest Jim Murray. Der Whisky-Autor, der schon jede produzierende Brennerei in den USA besucht hat, hält den in Boston erzeugten Whiskey für den besseren, weil würzigeren. Das mag wohl auch daran liegen, daß Boston und Clermont nicht mit dem gleichen Wasser arbeiten, es unterstützt zudem die Ansicht, daß es unmöglich sei, selbst mit völlig identischen Zutaten und Verfahren an zwei Orten einen identischen Whiskey zu produzieren, auch wenn die beiden Orte nicht weit auseinander sind.

Der Bourbon Jim Beam bestehe aus Clermont- und Boston Whiskey zu gleichen Teilen, heißt es. Viel mehr ist vom heutigen Eigentümer Fortune Brands (der – noch unter seinem früheren Namen American Brands – Firma und Marke Beam 1967 vom »Zwischenbesitzer« kaufte) nicht zu erfahren. Im Gegensatz zu anderen Brennereien in den USA verrät Jim Beam nichts über die ›mash bill‹, die Zusammensetzung der Maische. Es ist nur bekannt, daß diese vergleichsweise wenig Roggen enthält.

Das ›Sour Mash‹-Verfahren ist hier so üblich wie anderswo auch, doch die Hefe wird mit Hopfen versetzt – was ganz und gar unüblich ist. Die vergorene Maische wird in beiden Beam-Brennereien in säulenförmigen beer stills von nahezu zwei Metern Durchmesser gebrannt; die stills sind aus Edelstahl gefertigt, nur der obere Abschluß ist aus Kupfer gefertigt, dem Material, das in einer chemischen Reaktion mit dem Alkohol unerwünschte Schwefelverbindungen beseitigt und daher bei Destillateuren als unerläßlich gilt, und sei’s auch nur als kleiner Bestandteil. In einem doubler wird der kondensierte Alkoholdampf aus der beer still noch um etwa fünf Prozent verstärkt.

Zwar gibt es unter dem Namen Jim Beam auch einen Straight Rye, den Jim Murray »absolut hervorragend« nennt, aber es war der Bourbon, der die Marke zu einer Weltmarke beförderte. Und es waren die Small Batch Bourbons aus dem Hause Jim Beam, die auch jene aufhorchen ließen, die dem Bourbon im allgemeinen oder der Marke Jim Beam im besonderen reserviert gegenüberstanden – ganz ungerechtfertigt, nebenbei gesagt.

Der Name Beam ist auch Bestandteil des neuen Firmennamens, den die Mutter Fortune Brands ihrer für Alkoholika zuständigen Tochter gab: Beam Global Spirits & Wine Inc. Zu dieser Gesellschaft gehören auch die Marken der National Distillers (1967 aufgekauft), darunter die Whiskeys Old Grand-Dad, Old Crow, Old Taylor und Old Overholt, die durchweg bei Beam hergestellt werden. Seit der Übernahme eines Anteils von Allied Domecq hat Beam Global Spirits & Wine eine ganze Reihe von Whiskys und Whiskeys aus Schottland, USA, Kanada und Spanien im Sortiment, darunter Größen wie Maker’s Mark, Canadian Club und Teachers. An die Verkaufszahlen des Jim Beam (fast 66 Millionen Flaschen im Jahr) reicht keiner aus dem Portfolio heran.

Mit der Beibehaltung ihres Namens im Firmennamen wurde eine Dynastie gewürdigt, die sich in sieben Generationen um Whiskey verdient gemacht hat. Nicht allein um Old Tub und Jim Beam: Seit John, ein Enkel von Jacob und Bruder von David M., die (erste) Early Times Distillery errichtete, waren und sind Beams in renommierten Destillerien der USA zu finden. Der Whiskey liegt dieser Familie wohl doch im Blut.
Karl Rudolf














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