| Klassiker |
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| Über den Wolken … aus Ausgabe Drinks 2006 - 6 … ist die Freiheit doch nicht so grenzenlos, wie es das Lied von Reinhard Mey suggeriert. Sie hat ihre Grenzen bei der Bestellung von Getränken. An Bord der Flieger gibt es nicht alles, und die Marken in den einzelnen Gattungen wechseln von Zeit zu Zeit. Ein Klassiker steht jetzt wieder fest im Sortiment der Lufthansa: Der Lufthansa Cocktail hat zu einem Höhenflug angesetzt. Es war in den 50er Jahren. Die Deutschen entdeckten das Reisen. Wer sparen musste, fuhr auf vier Rädern nach Italien, wer es sich leisten konnte, nahm den Flieger in fernere Länder. Die Lufthansa hatte Mitte dieses Dezenniums ihren wieder Betrieb aufgenommen, und ehrgeizige Mädchen wollten nichts lieber werden als Stewardess. Jene, die es schafften, als Flugbegleiterinnen die Welt zu bereisen, mussten den Passagieren immer häufiger den Drink servieren, der sich schon bald zu einem wahren Kultgetränk entwickelte: den Lufthansa Cocktail. Ein Cocktail im eigentliche Sinne war das aber nicht. Was da an Bord in Miniaturflaschen aufgetragen wurde, war im technischen Sinne ein Likör. Der soll, so erinnern sich die Flieger der Frühzeit, nach Gusto des Passagiers mit Sekt oder Orangensaft verlängert worden sein, wenn er nicht ›on the rocks‹ serviert wurde. Der Likör kam aus Berlin, genau gesagt: von der Firma Mampe. Zum ›Lufthansa Cocktail‹ wurde der Likör erst an Bord der LH-Maschinen. Und mit denen düste er in der Folgezeit von Erfolg zu Erfolg. Wenn die wieder gelandet waren, die den »Cocktail« über den Wolken probiert hatten, suchten sie diesen auch am Boden. Mampe erkannte das Geschäft, etikettierte den Likör als ›Lufthansa Cocktail‹ und fertigte ihn sozusagen in Serie. Dass die Flasche einem Shaker nachgebildet war, machte das Produkt in jener Zeit, als die Mixgetränke so etwas wie Exoten an deutschen Tresen waren, nur noch interessanter. Verschiedenen Quellen zufolge soll es sogar einmal ein ganzes Sortiment aus sechs verschiedenen ›Lufthansa Cocktails‹ gegeben haben. Das würde auch erklären, warum einige Suchende übers Internet beharrlich nach einem blauen ›Lufthansa Cocktail‹ forschen. Irgendwann verliert sich die Spur – Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger. Der »Jet am Alkoholhimmel« kam wohl ins Trudeln, als aus Sicht der Lufthansa die Luft raus war aus diesem Trend. Als das Produkt den Namensteil ›Lufthansa‹ nicht mehr tragen durfte, krebste es noch eine Zeitlang als »Airliner« durch die Regale und verschwand schließlich. Die Firma Mampe verschwand zwar nicht, aber sie kam unter das Dach der Berentzen-Gruppe. Mit ihr ging auch das Recht am Originalrezept des Lufthansa Cocktails an das Haselünner Unternehmen. Es würde möglicherweise heute noch in einer Schublade vergilben, hätte nicht die deutsche Fluglinie im letzten Jahr »50 Jahre Lufthansa« gefeiert. Ob die Idee, zu diesem Jubiläum auch den ›Lufthansa Cocktail‹ der Anfangszeit wiederzubeleben, nun bei Berentzen aufkam, bei der Lufthansa oder bei beiden Beteiligten, ist – wie so vieles aus der Geschichte dieses Klassikers – nicht zu erfahren. Jedenfalls wurde die Idee in die Tat umgesetzt. Wer nach dem Ursprung des Rezepts für diesen streckenweise höchst erfolgreichen Likör sucht, muss noch weiter zurückgehen als in die Startjahre der – damals wiedergegründeten – Lufthansa. Der Likörfabrikant Mampe suchte seinerzeit über Mixwettbewerbe nach Inspirationen für neue Liköre. Im Jahr 1937 (!) fiel ihm bei einem solchen Wettbewerb eine Kreation namens ›Micky Maus Cocktail‹ auf. Dieses Rezept soll Grundlage des Likörs gewesen sein, der dann zum Lufthansa Cocktail wurde. Der »Cocktail« ist ein Orangenlikör, in dem auch Aprikose ein bisschen mitspielt. Mehr ist darüber nicht zu erfahren. Aber offensichtlich ist der 30prozenter ein Jahr nach dem Neustart bereits wieder auf Höhenflug: Zum Thema Absatz meldet Berentzen »dreistellige Zuwachsraten auf kleinem Niveau«. Gut möglich, dass die Nachfrage nun noch höher wird: Beim diesjährigen ›Internationalen Spirituosenwettbewerb ISW‹ bekam der Lufthansa Cocktail die Goldmedaille in seiner Kategorie und wurde außerdem zur »Markenspirtuose des Jahres« gekürt. Und bei der Lufthansa hat die fruchtige Spirituose auch wieder einen festen Platz an Bord. Das Rezept sei absolut original, wird aus dem Haus Berentzen versichert. Nur das Äußere hat der Hamburger Designer Lothar Böhm dem heutigen Stil angepasst. Den zahlreichen Nostalgikern, die via Internet nach den ersten, den ursprünglichen Flaschen mit Lufthansa Cocktail fahnden, ist mit der Neuauflage natürlich nicht geholfen. Es wird ihnen auch weiterhin die eine oder andere Fälschung angedreht werden. Wer freilich Drinks mixen will, wie sie in den 60ern populär waren, hat mit diesem »neuen alten« Lufthansa Cocktail eine klassische Zutat. Und Berentzen hat mit diesem Likör ein Produkt, das in sein – an Klassikern reiches – Sortiment passt. Karl Rudolf |
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