Klassiker

Keine Chance für Judas
aus Ausgabe Drinks 2007 - 2

Auch Marken haben eine Geschichte. Und oft ist diese spannender als die von Menschen. Enteignungen, Fälschungen und Spionage sind die Höhepunkte in solchen Geschichten. Eine der aufregendsten davon ist zweifellos die des Chartreuse. Es war ein kurvenreicher Weg, auf dem dieser Likör letztendlich doch zu einer Marke von Weltrang wurde.

James Bond zog sich manchmal aus, um zu erfahren, was er wissen wollte. Ein Möchtegern-Spion, dessen Name im Dunkel der Historie verschollen ist, ließ sich eine Kutte überstreifen, als er in den Orden der Kartäuser eintrat, um an das Rezept des Chartreuse zu kommen. Doch die Patres und Fratres kamen dem Judas auf die Schliche und entfernten ihn aus La Grande Chartreuse, dem Mutterkloster des Kartäuserordens.

Ein Zuckerschlecken wäre der Auftrag für diese Null von einem Agenten ohnehin nicht geworden. Die gänzlich in Weiß gekleideten Kartäuser sind strengen Regeln unterworfen. Als Bruno von Köln 1084 mit sechs Gefährten die Einsiedelei in den französischen Alpen nahe der Stadt Grenoble gründete, mussten je zwei Mönche in einer Hütte leben, schweigen, sich von kargen Speisen ernähren und täglich acht Stunden asketische Übungen machen. So streng ist es heute nicht mehr, aber noch immer darf kein Mönche ohne Erlaubnis des Oberen die Zelle eines anderen betreten, sind nur Chorgesang, die Mahlzeiten an Sonn- und Feiertagen und ein Spaziergang pro Woche das einzige, was die Mönche und Laienbrüder dieses Ordens an Gemeinsamkeit haben.

Der Ordo Cartusiensis wuchs und wuchs. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts gab es schon 195 Kartäuserklöster in 17 Ordensprovinzen. Eines stand auch in Vauvert bei Paris. Das wurde 1605 von dem Marschall François-Hannibal d’Estrées besucht. Dieser Freund König Heinrichs IV. soll der Legende nach den Mönchen ein Manuskript überlassen haben. Das beschrieb die heilenden Wirkungen von 130 Kräutern und Gewürzen in Verbindung mit destilliertem Alkohol. Weil aber das Rezept kaum zu entziffern war, legten es die frommen Brüder erst einmal zur Seite. Da blieb es liegen.

Erst 1737 kam diese Schrift von Paris ins Kloster Grande Chartreuse. Dort wurde es von Bruder Jérôme Maubec entziffert und in die Praxis umgesetzt. Doch als der laut Archiv des Klosters »sehr gelehrte Apotheker« am Ziel seiner Versuche war, wurde er todkrank. So konnte er nur noch Bruchstücke seines Wissens um dieses Rezept diktieren. Ein Bruder Antonius setzte das Puzzle zusammen, schrieb zunächst das Rezept für ein Élixir Végétal und dann, 1764, das für den Chartreuse Verte nieder.

Von der Französischen Revolution wurden die Kartäuser aus dem Kloster vertrieben. Vom Rezept für das Elexier von Chartreuse gabs zwar eine Kopie, aber das Original wurde vom Bruder eines Mönchs an den Apotheker Liotard in Grenoble verkauft. Nun verlangte aber ein Edikt Napolons, dass alle Rezepte für Heilmittel zur Prüfung an das Innenministerium zu schicken seien, zwecks Prüfung und Auswertung. Das tat jener Apotheker denn auch. Doch der zuständige Minister, Graf Montalivet, schickte die Dokumente mit dem Vermerk »abgelehnt« zurück – freilich an die Kartäuser, die inzwischen in ihr Kloster zurückgekehrt waren und mit die Herstellung ihres »Heilmittels« weitermachten.

Eine Klosterarznei wie viele andere wäre dieser Chartreuse wohl geblieben, hätte es nicht einen geschäftstüchtigen Bruder, die Cholera und eine Gruppe genussbereiter Offiziere gegeben. Der Bruder war der Frater Charles, der den grünen Likör – der bis dahin nur »ab Kloster« an Kranke abgegeben wurde – auf dem Markt in Grenoble als Medizin gegen Magen- und Herzbeschwerden anbot. Im Cholerajahr 1832 avancierte der Likör aus der Grande Chartreuse zur gefragtesten Waffe gegen die Seuche. Und die Offiziere, Franzosen natürlich, machten nach einer ersten Probe den grünen Schatz der Mönche mittels reger Mundpropaganda zu einem gefragten Genussmittel.

Dem grünen Bestseller in den zwei Varianten Élixier Végétal und Chartreuse Verte wurde 1835 die schwächere gelbe Version Chartreuse Jaune zur Seite gestellt. Die Nachfrage nach der schmackhaften »Arznei« aus dem Kloster wuchs so an, dass es den Kartäusern 1860 nötig schien, in Fourvoirie, acht Kilometer von der Kartause entfernt, eine Produktionsstätte zu errichten. Das Geschäft mit dem Likör war voll aufgeblüht.

Die Politik setzte dem florierenden Geschäft der Pères Chartreux dann ein vorläufiges Ende. Als Frankreich 1903 Staat und Kirche strikt trennte, wurden auch die Güter der Kartäuser verstaatlicht und verkauft. Der französische Teil des Ordens setzte sich ins spanische Tarragona ab und und stellte dort auch weiterhin seine
Liköre her. Die Marke Chartreuse jedoch war bei der Enteignung in den Besitz Frankreichs übergegangen – und dort wurde dann auch wacker drauflosgepfuscht. Weil niemand in der Heimat dieses Likörs das Rezept kannte, gab es schlecht nachgeahmten »Chartreuse« in Hülle und Fülle, derweil die wirklich Wissenden, die Kartäuser in Tarragona, das Original als »Likör, in Tarragona durch die Kartäuser hergestellt« etikettierten und auf den Markt brachten …

Als die Kartäuser 1930 wieder nach Frankreich zurückkehren durften und auch den Markennamen Chartreuse wieder für sich alleine hatten, gab es den Chartreuse doppelt: Der in Tarragona unter der Aufsicht von Kartäusern hergestellte, mit dem in Frankreich wieder hergestellten völlig identisch, ging nach Spanien, Portugal und Südamerika, der aus der Brennerei in Fourvoirie in die übrigen Märkte Europas und in vielen Ländern der Welt.

Mit jenem schon erwähnten Spion, der sich in die »wiederbelebte« Grande Chartreuse einschlich, waren die Kartäuser schnell fertiggeworden – aber gegen den nächsten Schicksalsschlag waren sie machtlos: Ein Erdrutsch zerstörte 1935 die Produktionsstätte in Fourvoires restlos. Noch im gleichen Jahr wurde eine neue in dem Städtchen Voiron errichtet. In der wird bis heute Chartreuse hergestellt. Die Produktion in Tarragona wurde bereits 1989 eingestellt.

Der Klostergründer Bruno von Köln schrieb seinen Mitbrüdern zwei Tugenden vor: Gewissenhaftigkeit und Geduld. Beides brauchen auch jene drei Mönche oder Brüder (so genau läßt sich das nicht herausfinden), die angeblich als einzige mit der ganzen Rezeptur vertraut sind. Die Gewissenhaftigkeit hält sie von der Versuchung ab, billigen Alkohol statt der selbst destillierten teuren Weine aus eigenem Anbau als Fundament für ihre Liköre zu verwenden. Und gewissenhaft werden die 130 Kräuter und Gewürze, die das Urrezept vorsieht, gesammelt oder gekauft, penibel dosiert und in dem selbst erzeugten Alkohol mazeriert und danach zum Teil erneut destilliert. Geduld ist schließlich vonnöten für die lange Zeit, die der Mischung aus Extrakten und Destillaten, Zucker und Honig für ihre Reifung zugestanden wird: Rund fünf Jahre liegt sie in Fässern, die zum Teil über 100 Jahre alt sind und bis zu 50.000 Liter fassen.
Für die Werbung und den Verkauf ist seit 1970 Chartreuse Diffusion verantwortlich, eine Tochter der französischen Gesellschaft der Grande Chartreuse. Die Herstellung obliegt allein den Kartäusern. Das sind Geheimnis-träger ersten Grades: Nicht einmal mit modernsten Methoden konnte das Chartreuse-Rezept bisher gänzlich entschlüsselt werden. Bekannt ist nur, dass 130 Zutaten in den Likören stecken, dass der Alkohol aus Wein gewonnen wird, dass lange gelagert wird und jede Chemie außen vor bleibt. Den ganzen Rest deckt ein Mantel der Schweigens vollständig zu …
Keine Chance für einen Judas in der Kutte. Auch in der Tarnung käme er niemals an das Rezept.
Karl Rudolf
















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