Klassiker

Vom Wunder zur Wirklichkeit
aus Ausgabe Drinks 2009 - 5

In den Bars auf der ganzen Welt hat er seit langem seinen festen Platz, Italiens meistverkaufter Likör. Aber wie entstand der DiSaronno Originale Amaretto? Der Frage ist Karl Rudolf nachgegangen.

Die Geschichte steckt voller „Wenns“, auch die Historie der Spirituosen. Es gäbe heute vielleicht keine chininhaltigen Getränke, wenn nicht Kolonialmächte um die Gesundheit ihrer Soldaten in den von ihnen eroberten und dauerhaft besetz­ten Gebieten besorgt gewesen wären. Es gäbe wohl keinen Gin, wenn nicht Professor Franziskus Sylvius de Bove den Genever geschaffen hätte, um seinen niederländischen Landsleuten die Folgen der Völlerei zu erleichtern, in die jene nach ihrem langen Frei­heitskampf verfallen waren. Die Liste solcher Beispiele ließe sich mühelos um ganze Absätze verlängern.

Und wenn nicht im 15. Jahrhundert ein Saronneser mit Namen Pedretto jahrelang bettlägerig krank gewesen wäre, könnten wir uns heute wahrscheinlich keinen „Godfather“ rühren und keinen „Amaretto Sour“ schütteln… Nein, der berühmte Amaretto aus Saronno wurde nicht als Heilmittel kreiert – seine Geschichte ist weit komplizierter. Der noch junge Patient wurde von der Mutter Gottes geheilt, sagt die Legende. Maria soll ihn aber aufgefordert haben, ihr zur Ehre und zum Dank eine Kirche zu stiften. Das tat er. Anno 1498 wurde der Grundstein zur Kirche Santuario della Beata Vergine dei Miracoli gelegt. Erst damit beginnt dann die eigentliche, die direkte Amaretto-Geschichte:

Mit dem Ausmalen der Kirche wurde im Jahre 1525 Bernardino Luini beauftragt, ein Schüler Leonardo da Vincis. Dieser Maler soll eine Romanze gehabt haben mit einer Ortsansässigen. Nach der einen Version war diese sein Modell, nach der anderen war sie seine Wirtin in Saronno, nach der dritten war sie beides und eine junge, schöne Witwe obendrein. Jedenfalls beschenkte sie den Maler zum Abschied mit einem Krug selbst zubereiteten Li­körs, den die Saronnesi L’Amaretto nannte; das Rezept bekam Bernardino Luini noch dazu. Ob er das auch einmal in die Praxis umsetzte, ist zweifelhaft: Der Künstler starb sechs oder sieben Jahre, nachdem er sein Werk in Saronno begonnen hatte.

Das Rezept kam als Erbe in den Besitz der Familie Reina. Erst im späten 18. Jahrhundert verwertete ein Apotheker aus dieser Familie das Erbe kommerziell und schuf den Likör, der heute als DiSaronno Originale Amaretto nicht nur Marktführer unter den Amaretti ist, sondern Italiens größte Likörmarke überhaupt. Die wird in mehr als 150 Länder verkauft, steht aktuell mit gut 24 Mil­lionen verkaufter 0,7-Liter-Flaschen auf Platz 58 in der Liste der 100 weltweit meistverkauften Premiumspirituosen und ist zudem das Fundament, auf dem ein Konzern errichtet wurde: Die ILLVA S.p.A. Saronno Holding hat Betriebe der unterschiedlichsten Art in verschiedenen Ländern un­ter ihrem großen Dach. Die stellen allerlei alkoholische Getränke her, darunter auch Wein und den Artic Vodka, vermarkten und vertreiben diese, sind zum Teil auch als Importeure tätig (Tequila Herradura, Ron Varadero und vieles mehr), produzieren und vermarkten Halbfertigerzeugnisse für Eis und Backwaren, stellen Aromen, Konzentrate und Glas-Linsen (!) sowie Maschinen und Ersatzteile zur Eisbereitung her, nennen Weinberge und Weingüter ihr eigen…

Der Betrieb in Saronno ist unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten vermutlich nur ein kleines Rädchen im Getriebe dieses Konzerns. Aber es ist das Rädchen ILLVA Saronno S.p.A., das die Maschi­­­­ne Holding erst in Schwung brachte und in Schwung hält. Dieser Betrieb in der Via Archimede der 37.000-Einwohner-Stadt Saron­­no (nordwestlich von Mailand und auf halbem Weg zum neuen Flug­hafen Mailand-Malpensa) produziert zwar noch andere Spiri­tuosen, aber die wichtigste ist eben dieser Amaretto.

Dessen Gattungsname amaretto wird als Adjektiv im Wörterbuch mit „etwas bitter“ übersetzt. Eine ganz dezente Bitternote ist dem DiSaronno Originale Amaretto tatsächlich zu eigen; diese ist frei­lich positive Abrundung eines komplexen Aromas, eingebettet in eine angenehme Süße. Mandeln drängen sich in der Nase wie am Gaumen in den Vordergrund – klar: Extrakte von den süßen Steinfrüchten des im Mittelmeerraum beheimateten Mandelbau­mes – Prunus dulcis
– spielen die erste Geige im Orchester der Amaretto-Aromen. Den Rest steuern 17 würzende Zutaten bei, vor allem Kräuter und Früchte. Alkohol sowie gebrannter Zucker sind die tra­genden Elemente. Und Aprikosenkernöl sorgt letztlich für jenen kleinen, aber feinen Unterschied zwischen DiSaronno Originale Amaretto und den vielen anderen Amaretti.

Es wäre ein Wunder von heute, wenn nicht über die Zutaten und ihre Dosierungen ebenso rigoroses Stillschweigen gewahrt würde wie über den ganzen Herstellungsprozess: Ein Original bleibt nur ein Original, wenn die Nachahmer keine Chance haben, auch die letzten Geheimnisse zu ergründen. So bleiben also Fragen nach Details über DiSaronno Amaretto unbeantwortet. Dafür werden reichlich Vorschläge gereicht, wie dieser Likör auf verschiedenste Arten gereicht werden kann: pur mit oder ohne Eis, im Kaffee und zum Kaffee, in Short-, Long- und Fancy Drinks…

Aber das wussten wir schon. Die Marke – früher als Amaretto di Saronno Originale etikettiert – ist uns schließlich seit Jahrzehnten vertraut. Als wir 1988, im vierten Jahr von DRINKS, per Umfrage ermittelten, welche Liköre in deutschen Bars bevorzugt pur und welche bevorzugt in Mixgetränken verlangt werden, war Amaretto di Saronno Originale in beiden Listen unter den ersten drei. Der DiSaronno Originale Amaretto stünde in einer aktuellen Umfrage ganz gewiss nicht schlechter da.

Wenn diese Marke kein Klassiker ist, welche dann? 






















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