| Klassiker |
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| Das Vermächtnis des Don Facundo aus Ausgabe Drinks 2009 - 2 Zahllose Brenner und Brauer behaupten, noch heute streng nach dem Rezept des Gründers zu arbeiten. Auch der Bacardi, die größte Rummarke weltweit, fußt auf den Vorgaben, die der Urheber festlegte. Bis heute werden jene Regeln befolgt, die Don Facundo Bacardí y Massó einstmals aufstellte. Unser Autor Karl Rudolf hat sich eingehend mit der Geschichte und Gegenwart einer Marke beschäftigt, die ein echter karibischer Klassiker ist. Es ist genug da für einhundert „Bacardi Mojito“ mit jeweils zwei fluid ounces Bacardi, wie sie im Cocktailbuch der berühmten Bar El Floridita vorgesehen sind. In jeder Sekunde (!) des Jahres ließe sich eine Hundertschaft des klassischen Drinks zubereiten mit der Menge Bacardi, die vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 2007 rund um den Globus verkauft wurde. Die Marktbeobachter von der Impact Databank notierten 19,9 Mio. nine-liter-cases dieses Rums in ihrer Liste der „Top 100 Premium Spirit Brands Worldwide“. Das waren 179,1 Mio. Liter oder 255,8 Mio. Flaschen mit je 0,7 Liter Inhalt. Jede Marke, die die international meistverkaufte ihrer Gattung ist, hat ein Handicap: Zweifler mit Vorurteilen sprechen der „Masse“ gern pauschal die „Klasse“ ab, degradieren erfolgreiche Produkte via Vorurteil zum Mittelmaß. Sie müssten die Legionen von Fässern sehen, die hier, nahe San Juan auf der Insel Puerto Rico, lagern. Dann wüssten die Zweifler mit Gewissheit, dass Bacardi reifen darf und nicht der „schnelle, junge Rum“ ist, für den ihn manche halten. Fünfhunderttausend Fässer braucht diese Brennerei, um zukünftigen Bacardi für die Vereinigten Staaten von Amerika, für Europa und für Länder auf anderen Kontinenten reifen zu lassen. Für mindestens ein Jahr und bis zu drei Jahre müssen schon die Destillate ins Fass, die zu dem Rum Bacardi Superior ausgebaut werden. Und in nur zwölf Monaten lässt das karibische Klima mit Temperaturen zwischen 30 bis 40 Grad Celsius acht Prozent der reifenden Bestände verdunsten. Nirgendwo sonst fällt der „Anteil der Engel“ so üppig aus wie unter dem karibischen Himmel. Wer einmal in Santiago de Cuba vor dem imposanten einstigen Firmengebäude von Bacardi stand, kann sich leicht vorstellen, dass diese Rummarke schon in ihrer kubanischen Frühzeit eine gewinnträchtige Größe gewesen sein muss. Tatsächlich war die Art, wie Facundo Bacardí y Massó ab 1862 Rum herstellte, ein Novum auf dieser Insel der Großen Antillen, die sich in jener Zeit zum führenden Zuckerproduzenten der Welt entwickelte. Zwar wurde damals auch schon Rum gebrannt auf Kuba, doch der galt den Kennern wenig. Wer auf sich hielt, trank – wenn überhaupt – Rum von Jamaika. Der 1814 in Sitges bei Barcelona geborene Katalane Facundo, der als 16-jähriger mit seinen zwei älteren Brüdern nach Kuba ausgewandert war, wollte einen optimalen „Ron de Cuba“ schaffen, einen Rum, der feiner, eleganter, reifer und vor allem „sauberer“ sein sollte als alles, was in der neuen Heimat zu dieser Zeit auf dem Markt war. Genug Erfahrung für dieses Vorhaben hatte er sich in vielen Jahren angeeignet. In Santiago de Cuba betreiben Magín und Juan Bacardí y Massó einen Laden, in dem ihr jüngerer Bruder Facundo mithilft. Doch die Geschäfte gehen schlecht, und die zwei Älteren kehren 1840 nach Katalonien zurück. Facundo bleibt auf Kuba und eröffnet einen Wein- und Spirituosenhandel. Auf diesem Gebiet bildet er sich kontinuierlich weiter, gilt bald als Kenner. Er ist sicher, dass im kubanischen Rum viel Potenzial steckt, dass er aber deutlich verbessert werden muss. So betreibt Facundo Bacardí y Massó intensive Studien, informiert sich über Rohstoffe ebenso wie über Brenntechniken und den Reifeprozess. Er notiert akribisch alles, was er erfährt und bei Experimenten festgestellt hat. Zehn Jahre befasst er sich mit der Verbesserung des Rums. Dann bekommt er seine Chance, kann 1862 die bankrotte Brennerei von John Nunes erwerben – allerdings nicht alleine. Sein jüngster Bruder José, inzwischen auch auf Kuba, steuert Geld bei und wird als Hauptteilhaber genannt, als am 2. Juni 1862 die Firma Bacardí y Bouteiller eingetragen wird. Dritter in dem Bunde ist José Leon Bouteiller, der zwar kein Geld hat, dafür aber Sachwerte und Know-how ins gemeinsame Geschäft einbringt. Zunächst spielt Facundo offiziell in der Firma zwar nicht die erste Geige, aber es sind seine Ideen, die das Geschäft voranbringen. Er züchtet die Hefekultur „La Levadura“, die sich so gut bewährt, dass sie bis heute weiter gezüchtet und eingesetzt wird, um die Melasse zum Gären zu bringen. Facundo gibt der Melasse als Rohstoff den Vorzug vor dem seinerzeit auf Kuba ebenfalls zur Rumbereitung verwendeten Zuckerrohrsaft, weil sie haltbarer ist als jener und zudem wichtige Mineralstoffe enthält. Er lässt zwei verschiedene Destillattypen brennen, die erst nach der Reifung zum Rum vereinigt werden: Das einmal im Säulenbrennverfahren destillierte Aguardiente hat nur 75 Prozent Alkohol, bringt dafür aber viel Aroma, fruchtige Nuancen und Süße in den späteren Rum. Der in fünf Säulen rektifizierte Redestilado kommt mit 93,5 Volumenprozent aus der letzten column, ist besonders rein, hat einen verhältnismäßig leichten Körper, aber – verglichen mit dem anderen Destillattyp – kaum wahrnehmbaren Geschmack. Das von Don Facundo so genannte „Parallelverfahren“ wird noch heute praktiziert. Gut möglich, dass er den Brandy aus der alten Heimat Spanien im Sinn hatte, als er sich für dieses zweigleisige Vorgehen entschied: Für den Brandy de Jerez werden seit jeher aromatische Holandas mit niedrigerem und besonders reine und körperleichte Destilados mit höherem Alkoholgehalt gebrannt und zum Endprodukt gemischt. Überhaupt scheint Don Facundo nach dem Rat der Bibel (1. Thessalonicher 5,21) gehandelt zu haben: „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet.“ Er wählte zum Beispiel das Holz der amerikanischen Weißeiche für die Fässer, in denen er die beiden Destillate zu seinem Rum heranreifen ließ. Diese Holzart gilt als ideal für die längere Lagerung von Spirituosen; in neuen Fässern daraus reifen Straight Whiskeys der Vereinigten Staaten, und nach der einmaligen Nutzung dort füllen schottische und irische Brenner ihre künftigen Whisk(e)ys in American oak. Die neuen Fässer ließ Don Facundo innen ausbrennen, bevor er sie zum ersten Mal befüllte. Jene, in denen sich durch besonders intensives Ausbrennen eine dickere Schicht Holzkohle im Innern gebildet hat, dienen der Reifung von Aguardiente; die Fässer mit einer weniger ausgeprägten Innenwand aus Holzkohle werden mit Redestilado gefüllt. Jedes Fass wird drei- bis fünfmal genutzt. Eigene Küfer prüfen diese Reifebehältnisse und bessern sie aus, wenn es nötig ist. Auch an der Reifung dieses Rums hat sich seit der Zeit von Facundo Bacardí y Massó nichts geändert. Dem gelingt mit seinem weißen „Carta Blanca“ im ersten Anlauf der Durchbruch. Es trägt allerdings wesentlich zur Bekanntheit dieses Rums bei, dass Facundos Ehefrau, Doña Amalia, auf die Idee kommt, die Fledermaus zum Markenzeichen zu machen – vermutlich inspiriert von einer Kolonie dieser Tiere, die sich an den Dachsparren der Destillerie eingenistet hat. Die Fledermaus gilt sowohl im Mutterland Spanien als auch auf – damals noch – dessen Insel Kuba als Glücksbringer. Die Fässer, aus denen der Bacardi Rum offen verkauft wird, sind anhand der aufgemalten Fledermaus leicht zu identifizieren. Der helle, klare, gereifte und milde Rum findet schnell Liebhaber in Santiago de Cuba, er wird schon bald sogar bekannt auf der ganzen Insel. Zwölf Jahre nach der Firmengründung trennen sich die Brüder Bacardí von ihrem Partner Bouteiller. José Bacardí überschreibt seine Anteile Facundos Söhnen Emilio und Facundo Miguel. Die Firma wird als Bacardí y Cia in das Handelsregister eingetragen. Drei Jahre später, 1877, wird der von Facundo Bacardí y Massó geschaffene Rum auf der Weltausstellung in Madrid erstmals einem internationalen Publikum vorgestellt. Eine Goldmedaille für Qualität und Innovation (der erste gereifte weiße Rum!) beweist, dass Don Facundos Bemühungen erfolgreich waren. Der ersten Auszeichnung werden im Laufe der Zeit noch viele folgen. Nicht nur damals werden sich viele Probierer gefragt haben, wie ein im Fass gereifter Rum weiß bleiben oder eben wieder werden kann. Don Facundo bediente sich der Holzkohle als Filter. Er war zwar nicht der erste Brenner, der mit diesem natürlichen Material sein Erzeugnis „säuberte“, aber in den Rum-Destillerien war das ein Novum. Er begnügte sich auch nicht mit irgendeiner Art Holz, die er zu Kohle verglimmen ließ, er hatte in vielen Versuchen die Mischung gefunden, die als Holzkohle einen „dynamischen Filter“ bildete: Tropenhölzer und Schalen von Kokosnüssen. Die hielt er in seinem Rezept ebenso fest wie alles, was ihm wichtig erschien für die Herstellung eines perfekten Rums. Das Jahr der ersten Auszeichnung für den Rum Don Facundos ist auch das Jahr des Generationswechsels. Der Firmengründer, der Schöpfer einer Marke, die einmal primus inter pares werden wird, zieht sich 1877 aus dem Geschäft zurück. Die bereits mit den Anteilen ihres Onkels bedachten Söhne Emilio und Facundo Miguel übernehmen die Geschäftsführung. Nach dem Willen des Vaters soll der Ältere, der politisch und künstlerisch interessierte Emilio, die Firma leiten; das „Rezept“ für seinen Ron Bacardi, das weit mehr ist als eine Auflistung der Zutaten, vertraut der Gründer dem jüngeren, praktisch veranlagten Facundo Miguel an. Mit den nächsten Kapiteln in der Firmen- und Familiengeschichte ließen sich Bücher füllen – aber die wurden bereits geschrieben. Mitglieder der Familie Bacardí engagieren sich im kulturellen wie im politischen Leben Kubas, sie sympathisieren auch mit jenen Rebellen, die Kubas Loslösung von seinem Mutterland Spanien erzwingen wollen. Als die Insel 1902 für 20 Millionen US-Dollar von Spanien an die USA abgetreten wird, hat der Bacardi Rum international schon einen guten Ruf. Amerikanische Besatzungssoldaten kurbeln die Nachfrage an; in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts steigern Drinks wie „Daiquiri“ und „Cuba libre“ den Konsum. In den Jahren der Prohibition wird Kuba zum Dorado der reichen Amerikaner, die das „caribbean feeling“ erleben und ungestraft Rum genießen wollen – der Markenname Bacardi wird zu einer festen Größe auf dem benachbarten Kontinent. Seit 1919 ist das Unternehmen eine Aktiengesellschaft. (Das ist es bis dato und immer noch in Familienbesitz.) Die Firma ist seit 1818 „Lieferant des Spanischen Königshofs“, bekam bei weiteren Weltausstellungen erneut Goldmedaillen für ihren Rum und hat seit 1906 Enrique Schueg Chassin zunächst als stillen, dann als aktiven Teilhaber. Als er nach Emilios Tod dritter Präsident des Unternehmens wird, hat dieses bereits jeweils eine Abfüllanlage in Barcelona und New York – in Santiago de Cuba errichtet es eine neue Destillerie. Ein zweiter Produktionsbetrieb wird 1931 in Mexiko gebaut als eine Vorsichtsmaßnahme wegen der sowohl wirtschaftlich wie politisch instabilen Lage auf Kuba. Die Compañia Ron Bacardi S.A. will auch in den USA Fuß fassen mit ihrer Marke, als die Prohibition beendet ist. Aber da steht ein Hindernis auf dem Weg in diesen aussichtsreichen Markt: Es ist ein Schutzzoll von fünf US-Dollar fällig für jede Gallone (ca. 4,2 l) Rum, die in die USA eingeführt wird. Der Zoll entfiele, wenn der für die USA bestimmte Rum auch in den USA produziert würde – aber das dürfen Ausländer nicht. Die Lösung heißt Puerto Rico: Die Insel wurde von den USA annektiert, sie ist aber keiner von deren Bundesstaaten. Ihre Bewohner sind von Bundessteuern befreit und können seit 1917 US-Bürger werden. José „Pepin“ Bosch, ein Schwiegersohn von Enrique Schueg, verhandelt mit der politischen Führung des Landes und erhält die Erlaubnis, auf Puerto Rico eine Bacardi-Destillerie zu errichten. Diese nimmt im Juli des Jahres 1936 den Betrieb auf. Auf Kuba wird es dramatisch, als der Diktator Fulgencio Batista sich 1952 an die Macht geputscht hat. Bacardi-Präsident „Pepin“ Bosch macht sich zum Feind des neuen Machthabers. Auch viele andere Familienmitglieder und führende Mitarbeiter stellen sich mehr oder weniger offen gegen den Diktator und unterstützen die Revolutionäre, zu deren Führern Fidel Castro zählt. José „Pepin“ Bosch beugt allen Eventualitäten vor: Er reist mit den wichtigsten Dokumenten im Koffer nach Nassau auf die Bahamas. Dort wird ein neues Werk gebaut, dort werden die Markenrechte gesichert und hinterlegt, dort ist das Rezept ebenso gut geschützt wie der Hefestamm „La Levadura“. Das war vorausschauendes Handeln, denn Fidel Castro entpuppt sich als Enttäuschung. Die Regierung unter seiner Führung enteignet neben allen anderen Privatfirmen auch Bacardi. „El Coco“ hatte gewarnt: Die einst von Facundo II. gepflanzte Palme überstand fast ein Jahrhundert lang Erdbeben und Wirbelstürme. Kurz nach Castros Machtübernahme verdorrte sie – nicht wenige Mitglieder der Familie Bacardí sahen darin ein Zeichen dafür, dass ihre Wurzeln auf Kuba bedroht waren… Über Puerto Rico spannt sich ein strahlend blauer Himmel. Das Areal, auf dem Bacardi erzeugt wird und Scharen von Besuchern im Visitor Centre „Casa Bacardi“ informiert werden, könnte zwar leicht als Ferien-Resort oder als Caribbean Club durchgehen, es ist aber die wichtigste Quelle einer Marke, auf deren Erfolg eines der weltweit größten Spirituosenunternehmen aufgebaut wurde. Natürlich wird hier mit modernster Technik gearbeitet, natürlich ist alles größer als zu Zeiten von Facundo Bacardí y Massó, von den Maische- über die Gärbehälter bis zu den Kolonnen für die Destillation. Aber die Methode, nach der „El Rey de los Rones“ hergestellt wird, ist immer noch die vom Gründer vorgegebene. Wenn Cuban Rum heute als eigenständiger Stil gilt, dann ist das nur das Verdienst des Don Facundo Bacardí y Massó. Er war es, der mit seinem neuen Rum diesen Stil begründete. Nicht einmal das halbe Jahrhundert im Exil ändert etwas daran, dass Bacardi eigentlich der originale kubanische Rum ist. |
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