Klassiker

Der Findling von Fécamp
aus Ausgabe Drinks 2008 - 6

Es kommt ja immer wieder einmal vor, dass etwas Verlorenes von jemand anderem als dem früheren Besitzer wiedergefunden wird. Dass der Finder aus diesem Findling etwas macht, das irgendwann Menschen rund um den Globus begeistert, dürfte die Ausnahme sein. Der Bénédictine ist so eine Ausnahme, eine einmalige, wenn auch häufig kopierte. KARL RUDOLF erzählt uns die Geschichte dieses klassischen Liqueurs aus Fécamp.

Benedikt von Nursia hatte den Mönchen, die er im ersten Viertel des 5. Jahrhunderts zu einem Orden vereinte, als Leitsatz diese drei Wörter gegeben: „ora et labora“ – „bete und arbeite“. Als sich Bruder Bernardo Vincelli zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit der Entwicklung eines Elixiers befasste, musste er diese Arbeit noch acht Mal am Tag für die gemeinsamen Gebete unterbrechen. Die aktualisierte Regel für den ältesten Mönchsorden des Abend-lands schreibt nur noch sieben Gebetszeiten vor, und diese dürfen mitunter auch zusammengefasst werden, wenn es die Tätigkeit der Mönche erfordert. Angehörige des Ordo Sancti Benedicti sind in vielerlei Bereichen tätig. Traditionsgemäß unterhält der Orden eigene Schulen, die Mönche arbeiten als Seelsorger, sie sind in der Jugendarbeit wie auch in der Erwachsenenbildung engagiert. Ein wichtiger Bestandteil benediktinischer Klöster war und ist die Landwirtschaft. Und so brauen Mönche oder Nonnen des Ordens auch Bier oder keltern Wein. Oder sie machen Liköre.

Dass Bernardo Vincelli ein Genussmittel schaffen wollte, darf ihm gewiss nicht unterstellt werden. Der gebürtige Venezianer wird in der damals mächtigen Abtei Fécamp in der Normandie einer von den heilkundigen Mönchen gewesen sein, die es in jedem Kloster gab. Diese Mönche – oder auch Nonnen, wie etwa Hildegard von Bingen – kannten oder erforschten die heilende oder zumindest lindernde Wirkung von Pflanzen und bereiteten Arzneien. Wofür oder wogegen Bruder Bernardo ein Mittel suchte, werden wir nie erfahren. Die Frage nach dem Zweck dieser Arznei, die Vincelli entwickelte, bleibt ebenso unbeantwortet wie jene, wer ihm die – zu jener Zeit sündteuren – Gewürze aus dem Fernen Osten beschaffte (und bezahlte), die er neben Pflanzen aus der näheren und weiteren Umgebung des Klosters brauchte, um jenes Elixier zu schaffen, das heute als Likör eine Berühmtheit ist.

Um 1510 war das Werk gelungen. Wie damals – und heute noch –  üblich, kannten nur wenige das Rezept. Vielleicht zwei von den Mitbrüdern Bernardos, vielleicht drei, vielleicht auch nur einer. Es wurde zur Sicherheit aber niedergeschrieben. Vielleicht komplett, vielleicht auch nur aus dem Gedächtnis eines Mitwissers und daher möglicherweise lückenhaft. Das Rezept ging verloren, als die wüsten Wellen der Französische Revolution auch dieses Kloster in Fécamp an der normannischen Küste zwischen Le Havre und Dieppe erreichten. Das Motto „Liberté, Egalité, Fraternité“ genügte, um Adlige zu köpfen, die Feudalrechte abzuschaffen, Orden und Klöster aufzulösen, Kirchengüter einzuziehen. Es ging nicht immer glimpflich ab, wenn Klöster gestürmt und die Nonnen oder Mönche daraus vertrieben wurden: Die Abtei Fécamp wurde zum Teil zerstört, sie wurde auch geplündert. Das Rezept des „Èlixir favorisé“ von König François I. verschwand in den Wirren dieser Revolution und blieb etwa 70 Jahre lang verschollen.

Wir schreiben das Jahr 1863. Alexandre Le Grand stößt in einem alten Buch auf das Rezept eines elixirs und findet einen Hinweis auf den Urheber. Der Finder lebt in Fécamp, ist Weinhändler und Geschäftsmann und Genießer. Er beschließt, einen Liqueur nach diesem Rezept zu machen. Ob er sich dabei detailgetreu an die Vorlage (die vielleicht nicht einmal das Original war) hielt oder ob er das Rezept hier und da abwandelte, ob er Ingredienzen durch andere ersetzte, aktuellere Produktionsmethoden erprobte, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Es ist auch unerheblich. Denn Alexandre Le Grand gelang mit diesem Liqueur, den er nach dem Orden des Erfinders Bénédictine (deutsch: Benediktiner) nannte, der große Wurf. Er widmete seine (Neu-) Schöpfung genau wie der Urheber „Deo Optimo Maximo“, „dem besten, größten Gott“, und schrieb die drei Anfangsbuchstaben dieser Widmung gleich von Anfang an auf das Etikett: DOM Bénédictine.

Wir sind im Jahr 2008. Wir sind in Fécamp. Wir stehen staunend vor dem Palais Bénédictine, das Alexandre Le Grand um die Produktionsstätte seines Liqueurs herum errichten ließ. Zwar war der erste Bau bald nach der Fertigstellung bis auf die Grundmauern niedergebrannt, aber der Exzentriker Le Grand ließ diesen Traum aus seiner Kindheit ein zweites Mal realisieren – vom berühmten Architekten Camille Albert. Der vereinigte in diesem prachtvollen Bau Gotik, Renaissance und Jugendstil. Diese Stilmischung ist zwar typisch für das späte 19. Jahrhundert, aber sie wurde selten einmal so spektakulär in Szene gesetzt wie hier. Das Innere des Palasts, der seit 1900 Besuchern offensteht, entspricht seinem Äußeren: Museum der Schönen Künste, Gemäldegalerie sowie wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Künstler sind quasi „Vermächtnisse“ von Alexandre Le Grand. Der war kunstsinniger Sammler ebenso wie erfolgreicher Geschäftsmann, ein Förderer der Künstler ebenso wie ein Beherrscher des Marketings. Für die Gestaltung seiner Werbeplakate engagierte er Koryphäen der Art Nouveau: Alfons Maria Mucha, Lucien Lopes Silva, Sem…

Mehr als 150.000 Besucher werden im Palais Bénédicine Jahr für Jahr gezählt. Ihnen wird hier nicht nur Kunst in vielerlei Varianten präsentiert, es wird ihnen auch gezeigt, wie dieser weltberühmte Liqueur hergestellt wird. Manches, vor allem das Entscheidende, bleibt den Neugierigen zwar verborgen, aber Destillerie wie auch die Keller können besichtigt werden. Und ein paar der insgesamt 27 Zutaten, die nach wie vor das unverwechselbare Aroma des Bénédictine ausmachen, werden auch präsentiert. Wenn Blüten, Blätter, Knospen, Rinden, Wurzeln und Samen, wenn mancherlei Pflanzen und verschiedene Gewürze, wenn heimische wie auch exotische Zutaten zu einem Likör verbunden werden, lässt sich diese Melange nicht auf einem einzigen Weg zusammenbringen. Für Bénédictine werden vier alkoholische Basen geschaffen:

Ein Teil der 27 Zutaten wird zweifach destilliert. Welche das sind und in welchem Mengenverhältnis sie gemischt werden, wissen nur die wenigen Eingeweihten. Für einen zweiten Teil genügt die einfache Destillation. Der Anteil an Schalen von Zitrusfrüchten, den das Rezept vorsieht, wird zunächst mazeriert und dann zwei Mal destilliert. Die verbleibenden Ingredienzen werden mittels der „infusion“ ihrer Aromen beraubt, was in etwa vergleichbar ist mit dem mehrfachen Aufgießen und Ziehenlassen von Teeblättern. Diese vier auf jeweils andere Art entstandenen und durch jeweils andere Mischungen aromatisierten Alkohole reifen zunächst drei Monate lang für sich allein in Fässern aus Eichenholz. Danach werden sie in Riesenfässern in einem ganz bestimmten – streng geheimgehaltenen – Verhältnis zur melange zusammengebracht. Das ist auch der Moment, in dem Sirup und Honig für die feine Süße, Karamell und Safran für die Farbe und Cognac zur optischen und geschmacklichen Abrundung in die Mischung gegeben werden. Ein Bénédictine DOM ist das immer noch nicht.

Die alkoholische Viererbande braucht einiges an Zeit, um sich zu einer harmonischen Einheit entwickeln zu können, zumal sie die abrundenden Zutaten auch noch einbinden muss. Diese Zeit wird gewährt: Der angehende Bénédictine muss noch ein ganzes Jahr in den Kellern des Palais in Eichenholzfässern reifen, ehe ihn die Maîtres du Chais als Liqueur akzeptieren. Und abgefüllt wird erst, wenn der gefiltert und gründlichst geprüft wurde.

Es dauere – alles in allem – nicht weniger als zwei Jahre, Liqueur Bénédictine herzustellen, versichern die Sachkundigen im Palais Fécamp. Der Aufwand lohnte sich schon für Alexandre Le Grand (nomen est omen!), er lohnte sich für die Nachfolger in der Firma, die er eigens für diese Marke gegründet hatte, er lohnt sich auch für den Global Player Bacardi, dem die Marke seit dem Jahr 1993 gehört: Bénédictine – kräftig im Geschmack, mit vielschichtigem Aroma und von sanft süßer Würze – ist weltweit gefragt. Mehr als fünf Millionen Flaschen werden jährlich damit gefüllt, die meisten davon werden in den USA verkauft. Barkeeper haben mit diesem Liqueur eine Vielzahl von Mixgetränken kreiert, unter denen der „B & B“ wahrscheinlich der schlichteste, aber ganz gewiss einer der überzeugendsten ist: Bénédictine und Cognac (zum Beispiel Otard, weil der auch Bacardi gehört) zu gleichen Teilen. Es gibt diese Mischung seit den 1930ern auch fertig, und sie verschlingt einen nicht geringen Teil der Liqueur-Produktion.

Die Kopie sei die beste Form des Kompliments, heißt es. Wenn’s so ist, dann wurde der Bénédictine in seiner langen Geschichte mit Komplimenten förmlich zugeschüttet. Im Palais Bénédictine sind einige Hundertschaften von Nachahmungen zu besichtigen: ähnliche oder fast identische Flaschen wie jene, die Le Grand für seinen Bénédictine eigens entwickeln ließ, gekonnte Imitationen der gesamten Ausstattung nebst plumpsten Fälschungen, falsche „Kloster-Liköre“ zuhauf. Den Vogel schoss ein deutscher Imitator ab, der seine nur äußerlich dem Bénédictine verblüffend ähnliche Kreation als „Domnickaner Pracht-Liqueur“ etikettierte…

Alexandre Le Grand hat etwas gemacht aus seinem „Findling“. Er hinterließ der Nachwelt nicht nur ein Rezept, sondern gleich den Markenartikel, der schon zu seinen Lebzeiten weit über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt und gefragt war. Er hinterließ auch 24 Kinder, in Worten: vierundzwanzig. Daraus nun jedoch Schlüsse auf bestimmte Wirkungen des Bénédictine zu ziehen, sollten wir uns tunlichst verkneifen.
www.benedictine.fr
















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