| Klassiker |
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| Wie das russische Wässerchen den Westen eroberte aus Ausgabe Drinks 2008 - 5 Den Drink „Moscow Mule“ kennt jeder Barkeeper. Dass dieser „Moskauer Maulesel“ in den 1940ern die Starthilfe für Smirnoff Vodka im amerikanischen Markt war, wissen vielleicht doch nicht alle, die diesen weltweit meistverkauften Vodka schätzen. Und letztlich war es die Marke Smirnoff, die von den Vereinigten Staaten aus dem russischen „Wässerchen“ überhaupt die Tür zu den Bars der Welt aufstieß. Die Geschichte einer russischen Marke, die im Westen als Mixspirituose zu Weltruhm kam und ein Bestseller wurde. Seine Vorfahren waren noch Leibeigene gewesen. Erst seinem Großvater war es gelungen, die Familie freizukaufen. Der Vater, Piotr Arseneevich Smirnoff hatte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts selbstständig gemacht und 1864 seinem Weinkeller eine Brennerei angegliedert, um eigenen Vodka brennen zu können. Und das mit großem Erfolg: 1886 wurde Piotr Arseneevich mit seinem Vodka zum offiziellen Hoflieferanten des Zaren von Russland ernannt. In diesem Jahr ist Vladimir Smirnoff grade mal elf Jahre alt. Er ist der dritte Sohn von P.A. und arbeitet schon in den frühen 1890er Jahren in der Fabrik des Vaters. Die Geschäfte gehen blendend. Die Smirnoffs werden schnell zu einer der reichsten Familien Europas. Die Revolution macht dem blühenden Geschäft ein Ende: Der Smirnoff’sche Betrieb wird verstaatlicht, das Haus der Familie verwüstet. Nachdem 1894 Vodkas aus staatlicher Produktion den privaten Brennern mehr und mehr Marktanteile abgenommen hatten, wird Vladimir zum „Feind des Volkes“ erklärt und flieht in Richtung Westen. Die Rote Armee nimmt ihn 1919 gefangen, verurteilt ihn zum Tod, verschiebt die Hinrichtung jedoch mehrmals. Er wird schließlich in letzter Minute befreit, hält sich einige Monate auf der Krim auf und flieht dann über das Schwarze Meer nach Konstantinopel und von da aus nach Paris. Vladimir Smirnoff wird zu einer Schlüsselfigur in der Geschichte eines Vodkas, der zum meistverkauften seiner Gattung aufsteigen sollte. Er versucht im Exil den Neuanfang und betreibt zunächst eine kleine Brennerei in Paris. Dort trifft Vladimir Smirnoff anfangs der 1930er Jahre auf Rudolph Kunett. Dessen Familie hatte in der alten Heimat die Brennerei der Familie Smirnoff mit Getreide beliefert. Kunett, mittlerweile erfolgreicher Geschäftsmann in den USA, sieht in den durch die Prohibition ausgedörrten Staaten einen zukunftsträchtigen Markt. Smirnoff und Kunett werden sich schnell einig: Kunett kauft Smirnoff das Recht ab, Smirnoff Vodka in Nordamerika zu produzieren, und erwirbt zugleich die Smirnoff-Rezepturen. Im Jahr 1933 wird die Firma Ste Pierre Smirnoff Fls mit Sitz in New York gegründet und Vladimir Smirnoff zum Vorsitzenden der Geschäftsführung ernannt. Im März 1934 beginnt die Produktion von Smirnoff Vodka in Connecticut. Aber der letzte Smirnoff kann den Betrieb in den USA nicht mehr besuchen: Vladimir Smirnoff stirbt in dem Jahr, in dem seine Marke jenseits des Atlantiks eine neue Heimat gefunden zu haben scheint. Aber Rudolph Kunetts Optimismus war verfrüht. Die Amerikaner sind offensichtlich noch nicht reif für den Vodka, sie konsumieren mit Vorliebe Whisky und können mit der klaren Spirituose nicht viel anfangen. Kunett zieht die Konsequenzen und verkauft das Unternehmen an die Firma Heublein – für 14.000 Dollar und eine Anstellung in diesem Unternehmen, das Wein, Spirituosen sowie Fertigcocktails herstellt und vertreibt. Der Smirnoff-Absatz bleibt bescheiden, bis Heublein-Chef John G. Martin von einem Großhändler auf die Idee gebracht wird, diesen Vodka als eine ideale Mixspirituose „ohne Geruch und Geschmack“ zu vermarkten. Von nun an geht es aufwärts, und den größten Schub bekommt Smirnoff, als er von Jack Martin, Besitzer der Bar Cock’n’Bull in Los Angeles, mit Ginger Beer, Angostura Bitter und Limettensaft zum „Moscow Mule“ gemixt wird. Mit diesem Drink schlägt John G. Martin selbst die Werbetrommel für Smirnoff: Er lässt für den „Moskauer Maulesel“ eigens gravierte Kupferbecher anfertigen, reist von Bar zu Bar, fotografiert – mit einer der ersten Polaroid-Kameras – jeweils den Barkeeper mit diesem Becher zweimal, überlässt dem Mixer das eine Foto und nimmt das zweite mit in die nächste Bar, um dem dortigen Keeper zu beweisen, dass seine Konkurrenz den „Moscow Mule“ bereits in ihrem Angebot hat. Von nun an steigt der Smirnoff-Absatz beträchlich. Von den 100 Spirituosenmarken, die von „ImpactInternational“ als Premium eingestuft werden, ist Smirnoff Vodka seit 2006 die meistverkaufte Spirituose der Welt. In Deutschland konnte Smirnoff Vodka im vergangenen Geschäftsjahr ein zweistelliges Wachstum von 17% im Volumen verzeichnen. Die 25 Produktionsstätten in verschiedenen Ländern sind ausgelastet. Wo immer auch Smirnoff Vodka hergestellt wird, geschieht das nach dem ursprünglichen Rezept des Piotr Arseneevich. Schon dieser hatte das bis heute angewandte mehrstufige Verfahren der zehnfachen Filterung über Holzkohle eingeführt. Der in dreifacher Destillation aus Getreide gewonnene Alkohol wird mit Wasser auf 57 Prozent verdünnt und danach durch zehn Filtersäulen geleitet. Jede davon enthält Aktivkohle aus feinporigen Silberbirken. Es dauert acht Stunden, bis der künftige Smirnoff diese aufwändige Filterung durchlaufen hat. Dabei kostet schon die Destillation Zeit: Bei Smirnoff No. 21 dauert das Brennen im Säulenverfahren – was einer dreifachen Destillation entspricht – 24 Stunden. Noch viel zeitaufwändiger ist die Herstellung von Smirnoff Black. Diese Super-Premium-Variante aus dem Diageo Vodka Portfolio, mit 40 Prozent um zweieinhalb Alkoholgrade stärker als Smirnoff No. 21, wird zunächst ebenfalls im kontinuierlichen Verfahren dreifach destilliert, danach aber noch in traditionellen kupfernen Brennblasen (copper pot stills) veredelt, wie sie schon die Smirnoffs in Moskau zur Herstellung kleiner Mengen besonders erlesenen Vodkas benutzten, der dem Zaren und wenigen anderen hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten war. Dieses Verfahren bringt nur ein Dreißigstel der Destillatmenge hervor, die beim kontinuierlichen Brennverfahren gewonnen werden kann. Qualität, Reinheit und Milde haben Smirnoff Vodka bereits zahlreiche Auszeichnungen eingetragen, zum Beispiel eine Goldmedaille auf der „San Francisco World Spirits Competition“ 2003 für Smirnoff No. 21. Zwei Jahre später wurde dieser Vodka bei einer Blindverkostung der „New York Times“ zur Nummer 1 unter 21 anstehenden Vodka-Marken gewählt. Doch einen bleibenderen Eindruck als alle Medaillen zusammen hinterließ zweifellos der „Auftritt“ von Smirnoff 1962 in dem Film „Dr. No“. James Bond, im Auftrag Ihrer Majestät unterwegs, ordert einen „Martini“ – aber mit Smirnoff Vodka und „shaken, not stirred“, geschüttelt, nicht gerührt. Ab dem 6. November greift ein längst anderer James Bond als in jenem Abenteuer erneut zu Smirnoff Vodka. Zum Start dieses neuen Films „Quantum of Solace“ (deutsch: „Ein Quantum Trost“) wird Diageo in Fachgroßhandel und Gastronomie eine Smirnoff-Bond-Promotion durchführen: eine limitierte Martini-Glas-Edition und eine James-Bond-Getränkekarte mit den klassischen „Vodka Martini“-Drinks des Geheimagenten mit der Nummer 007. Den Kult-Drink „Moscow Mule“ kann freilich auch das Lieblingsgetränk des britischen Geheimdienstlers nicht verdrängen. Der wäre nie auf den „Vodka Martini“ gekommen, wenn nicht rund 20 Jahre zuvor das „Maultier“ als Zugpferd für Smirnoff Vodka eingesetzt worden wäre. Dieser Drink war Starthilfe für den West-Vodka überhaupt, und die Marke Smirnoff hat wesentlich dazu beigetragen, dass Vodka als Spirituose auch in der westlichen Welt Eingang fand und heute von keiner guten Getränkekarte mehr wegzudenken ist. |
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