| Klassiker |
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| Eineinhalb Punkte bis zur Perfektion aus Ausgabe Drinks 2008/4 Ein Drink wird dem Produkt angepasst, von dem er geprägt wird. Das ist der Normalfall. Dass ein bereits gängiges Produkt nach einer mehr oder weniger zufällig entstandenen Mischung neu ausgerichtet wird, ist die Ausnahme. Doch auf einem derartigen Umweg entstand der Punt e Mes aus dem Hause Carpano. Sehr kultivierter Mensch, dieser Antonio Benedetto Carpano. Bewandert in der französischen Literatur, interessiert an Naturwissenschaften. Er liebt das Lernen und ist dem guten König Vittorio Amedeo III. dankbar dafür, dass dieser das Volk ins Zeitalter der Aufklärung führt. Der Piemonteser Carpano ist passionierter Leser und ein Bewunderer Goethes. Er schätzt die lokalen Weine und versteht offenbar auch die Frauen. Denn Antonio Benedetto Carpano bezweifelt, dass Weine, die er schätzt, mit ihren ausgeprägten Erd- und Kellertönen auch von den Gaumen der Damenwelt goutiert werden. Also arbeitet er an einem ganz speziellen „Wein“. Wir schreiben das Jahr 1786. Auf dem Delaware River in Nordamerika verkehrt das erste Dampfschiff. In Potsdam stirbt Friedrich der Große. In Salzburg komponiert Mozart „Figaros Hochzeit“. In Frankreich ist die Finanzkrise auf ihrem Höhepunkt, in der Toskana wird die Inquisition eingestellt, der Besitz der Jesuiten eingezogen und viele Klöster geschlossen. Goethe tritt seine erste Italienreise an und sein ihm gewiss unbekannter Bewunderer Antonio Benedetto Carpano, gerade mal 22 Jahre alt, Brenner und Weinhändler, stellt seinen „Wein“ vor, den er „Vermuth“ nennt, abgeleitet vom deutschen „Wermut“ – Goethes Einfluss ist gewaltig. Was hatte der Frauenversteher und mutmaßliche Vermouth-Erfinder – ein Titel, den er sich möglicherweise mit einem Cinzano teilen musste – zusammengestellt im „Labor“ seines Weinladens an der Piazza Castello in Turin? Ausgesuchte Weißweine, ein gutes Destillat, Auszüge von Kräutern und Gewürzen. Jedenfalls kam der erste Turiner Vermouth (die Familie Cinzano war im Umland tätig) so gut an, dass Antonio Benedetto Carpanos Laden, dem nach damaliger Sitte gewiss ein Ausschank angegliedert war, sozusagen die „In-Bar“ von Turin und bevorzugter Treffpunkt der dortigen Society war. Den Punt e Mes jedoch hat Antonio Benedetto nicht erfunden. Auch nicht sein Neffe und Nachfolger Giuseppe Bernardino Carpano, der aus Laden und „Labor“ des 1815 verstorbenen Onkels ein Unternehmen machte, das nach ihm – G. B. Carpano – benannt wurde. Ein Gläschen Carpano war Mitte des 19. Jahrhunderts bevorzugter Aperitif oder Pick-me-up der Turiner; der Ruhm der Marke war in alle Ecken des Landes gezogen. Der alte Laden, „Wiege des Vermouths“, musste zu der Zeit rund um die Uhr geöffnet haben. Wir schreiben das Jahr 1870. In der Bar an der Piazza Castello wird Carpanos Vermouth nach lokaler Sitte ganz nach Wunsch des Gastes mit einem mehr oder weniger kräftigen Schuss Bitter serviert. Die Bar liegt in unmittelbarer Nähe der Börse; wie üblich halten sich hier auch an dem Abend Börsenmakler auf. Die Kurse haben sich an dem Tag um eineinhalb Punkte (auf piemontesisch: „un punt e mes“) bewegt – was Thema dieser Runde ist. Als einer der Gäste befragt wird, wieviel Bitter er in seinem Carpano will, bestellt er – noch in Gedanken versunken – „un punt e mes“. Als sich das Gelächter gelegt hat und der Carpano samt „eineinhalb Punkten Bitter“ serviert wurde, ist nicht nur der zerstreute Besteller davon überzeugt, dass er die optimale Mischung aus Süßem und Bitterem gefunden hat. Die Mit- und die Nachprobierer pflichten ihm bei; die Firma Carpano füllt ab sofort Punt e Mes ab – und dieser dezent bittere Aperitif wird zum Welterfolg. Die Geschichte der Entstehung des Punt e Mes ist keine Erfindung von Marketingleuten, sondern verbürgt. Der letzte Zeuge, der von jener Bestellung und Verkostung berichtete, war der Barkeeper Maurizio Boeris; er starb 1944 mit 94 Jahren. Das Rezept des Punt e Mes hüteten die Carpanos ebenso wie das für den Vermouth, der Basis des Punt e Mes ist. Giuseppe Bernardino gab die Geheimnisse an seine Söhne Luigi und Ottavio weiter; Ottavios Witwe Matilde Govone übernahm Geschäfte und Geheimnisse ab 1917. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übernahm der Turiner Industrielle Silvio Turati das Haus Carpano; seit 1982 gehören Unternehmen und Marke Carpano zum Mailänder Unternehmen Fratelli Branca Distillerie. In zwei Produktionsbetrieben wird für Carpano gearbeitet: Das hauseigene Weingut in Alcamo auf Sizilien keltert die Weine für die Vermouths, zu denen noch Moscato aus dem Piemont kommt. An der Via Nizza in Turin entsteht aus den Weinen und den immer noch geheimgehaltenen Zutaten, die sich zu mehr als einem halben Hundert summieren, auch, nein: vor allem der Punt e Mes. Der wird heute in 80 Länder geliefert und bevorzugt „on the rocks“ mit einer Scheibe Orange konsumiert. Er schmeckt aber auch mit etwas Soda, mit Orangensaft, Tonic Water oder Bitter Lemon. Punt e Mes ist Aromageber für eine Reihe klassischer und neuer Mixgetränke, ein Allrounder hinter den Tresen der Welt. Antonio Benedetto Carpano würde diesen „aperitivo“ loben, wenn er ihn noch erlebt hätte. Er wäre aber wohl auch höchst erstaunt darüber, dass die zusätzlichen „eineinhalb Punkte Bitter“ ebenso von den Gaumen der Damen goutiert werden.■ Karl Rudolf Fotos: Fratelli Branca Distillerie & Borco-Marken-Import |
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