Klassiker

Eine Heimkehr
aus Ausgabe Drinks 2008 - 2

Vom Kaiser wurde die Marke gelobt. Von den Kommunisten wurde sie verfälscht. Von der Familie Zwack wurde sie über mehr als zweihundert Jahre hinweg gehegt. Aber es bedurfte eines guten Partners, um den originalen Unicum schließlich wieder in Budapest zu etablieren. Die spannende Geschichte einer der traditionsreichsten Marken Europas.

Der Leibarzt Zwack sollte dem Zwicken im Magen des Kaisers ein Ende machen und schuf zu diesem Zweck einen Extrakt aus verschiedenen Kräutern und Wurzeln. Der damit kurierte Joseph II., Kaiser von Österreich und König von Ungarn, war so verblüfft wie begeistert: “Das ist ein Unicum”, soll die Majestät gerufen haben. Und damit hatte der Bitterlikör des Hofarztes Doktor Jozseph Zwack den Namen, der ihm seit jenem Jahr 1790 blieb. Bis daraus aber ein Markenname wurde, dauerte es noch fünf Jahrzehnte. Ein halbes Dezennium war vergangen, seitdem der kräuterkundige Hofarzt das alkoholische Unikat namens Unicum geschaffen hatte, als ein Nachfahre des Doktors, der damals erst 19 Jahre alte Jozseph Zwack, in Budapest ein Unternehmen zur kommerziellen Herstellung dieses Likörs gründete. Der wurde damals schon in die markante runde Flasche abgefüllt, auf deren Bauch ein seinerzeit noch rotes Kreuz prangte. Als Ungarn 1867 mit Österreich unter Kaiser Franz Joseph I. und der als “Sisi” berühmt gewordenen Kaiserin Elisabeth zur Doppelmonarchie vereinigt wurde, war Zwack schon ein blühendes Unternehmen. Im Jahr 1892 war die erste Produktionsstätte bereits zu klein für die Nachfrage, und die Firma J. Zwack & Cie, in der mittlerweile auch Jozsephs Sohn Lajos tätig war, zog um ans Donauufer, dorthin, wo die heutige Zwack Unicum Plc. nach wie vor ihren Stammsitz hat.

Mit etwa 40 Prozent Marktanteil ist die an der Budapester Börse notierte Zwack Unicum AG heute der unangefochtene Marktführer im ungarischen Spirituosenmarkt. Um die 300 Mitarbeiter sind mit der Herstellung und mit dem Vertrieb von Spirituosen beschäftigt. Die Mehrheit (50% plus ein Anteil) an dem florierenden Unternehmen ist – über die PZHAG Wien – in den Händen der Familien Zwack und Underberg. Diageo hält 26 Prozent an der Aktiengesellschaft, 24 Prozent minus einem Anteil sind in Streubesitz. Zwack Unicum verfügt über drei Produktionsstätten: Das erst 2005 erbaute Werk in Dunaharaszti bei Budapest ist die zentrale Produktionsstätte. In Kecskemét im obstreichen östlichen Mittelungarn werden die Obstbrände des Unternehmens (neben anderen Fütyülös und Zwack) hergestellt. Im 2003 und 2004 renovierten Stammhaus an der Soroksári út sind Büroräume, ein Besucherzentrum, ein sehenswertes Museum und ein Shop untergebracht. Und die Produktion des Unicum.

Das nun schon 218 Jahre alte Rezept wird in fünfter Generation von Peter Zwack und seiner Frau Anne gehütet. Zwecklos, auch nur einen kleinen Teil der mehr als 40 Ingredienzien herausfinden zu wollen. Es sind Kräuter, Wurzeln, Schalen, Gewürze aus aller Welt. Die Zutaten werden teils mazeriert und teils destilliert. Nach etwa einem Monat werden Mazerate und Destillate im bewährten Verhältnis “vermählt”; diese Mischung lagert dann wenigstens ein halbes Jahr in Eichenholzfässern und wird dabei vollends “rund”.

Die Güte des Unicum wurde schon 1895 mit der Ernennung der Herstellerfirma zum einzigen ungarischen Hoflieferanten gewürdigt. Zu jener Zeit waren J. Zwack & Cie. eine der führenden Brennereien Zentraleuropas, stellten mehr als 200 Spirituosen und Liköre her und exportierten bereits in alle Welt. Als der “General” genannte Jozseph Zwack 1915 im Alter von 94 Jahren starb, hatte er mit seinem Sohn Lajos auf dem Grundstein Unicum in der Donaumonarchie ein eigenes Imperium geschaffen und sich einen Namen gemacht als sozial eingestellter Arbeitgeber, der für seine Mitarbeiter einen der ersten Pensionsfonds geschaffen hatte. Auch war er als qualitätsbewussster Hersteller bekannt, der künstliche Zutaten strikt ablehnte.

Von 1926 an wurde das Zwack’sche Imperium von Bela und Janos geleitet. Obwohl die beiden Zwack-Brüder offenbar grundsätzlich verschiedener Meinung waren (was so weit ging, dass sie in Budapest sogar jeweils rivalisierende Fußballclubs unterstützten) ging es dem Unternehmen zwischen den beiden Weltkriegen weiterhin verhältnismäßig gut. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik durch Bomben restlos zerstört, und die Brüder und ihre Ehefrauen nahmen den Betrieb 1945 in zwei Räumen zwischen den Ruinen wieder auf. Drei Jahre später konfiszierten die kommunistischen Machthaber das Unternehmen Zwack.

Peter Zwack konnte rechtzeitig nach Triest fliehen. Sein Vater Janos verließ mit Hilfe bestochener russischer Soldaten Ungarn ebenfalls – das Rezept für den Unicum in der Tasche. Bela Zwack blieb mit seiner Ehefrau Dodo in Budapest, drehte den neuen Herren ein falsches Unicum-Rezept an und war fortan als Arbeiter verantwortlich für die Produktion dieser Marke, von der sich auch die Kommunisten wohl einiges erhofften. Später wurden Bela Zwack und seine Frau als “Klassenfeinde” in die Puszta deportiert. Zwischenzeitlich war Janos Zwack mit seinem Sohn Peter, den er in Italien wiedergetroffen hatte, nach Amerika emigriert. Janos wollte dort die Kraus Brothers dazu bringen, Unicum in den USA zu produzieren, wurde monatelang hingehalten und musste schließlich feststellen, dass die potenziellen Partner mit den kommunistischen Usurpatoren des Werks in Budapest unter einer Decke steckten. Da platzte ihm der Kragen: Er strengte einen Prozess gegen die Kraus Brothers und gegen das kommunistische Ungarn an, den er 1958 schließlich gewann. Von da an war es den roten Produzenten in Budapest verboten, die Warenzeichen Zwacks zu verwenden und ihr Produkt – ein unzulängliches Imitat des ursprünglichen Unicum – in die westlichen Länder zu exportieren.

Unicum wurde mittlerweile auch in Italien erzeugt, da es Bela und seiner Frau gelungen war, dorthin zu entkommen. Als die Brüder Bela und Janos 1958 innerhalb von zwei Wochen starben, übernahmen deren Witwen Dodo und Vera das Geschäft mit dem in Italien hergestellten “westlichen”, dem besseren, weil originalen Unicum. Peter Zwack arbeitete in jenen Zeiten in Spirituosen- und Weinbetrieben überall in den USA, sammelte Erfahrungen und knüpfte reichlich nützliche Kontakte.

Um näher am Unicum zu sein, den er nun in fünfter Generation repräsentierte, kehrte Peter Zwack 1970 nach Europa zurück. Mit Anne, seiner zweiten Frau, lebte und arbeitete er in Florenz, hielt die Unicum-Legende am Leben, brachte eine Destillerie in Österreich dazu, die einst berühmten Zwack-Liköre in der typischen Z-förmigen Flasche wieder zu produzieren, pflegte sein Wissen um Weine und war fürs Marketing und die Public Relations des Consorzio Chianti Classico verantwortlich. In den 80er Jahren erreichten ihn die ersten Angebote durch den Eisernen Vorhang: Er solle zurückkehren in die alte Heimat, um die Leitung des einstigen Familienbetriebs zu übernehmen. Er folgte dem Ruf schließlich 1987 und zog mit seiner Familie samt Menagerie nach Budapest.

Mit Emil Underberg als Partner war Peter Zwack dann in der Lage, den Unicum zunächst einmal zur Hälfte und schließlich wieder ganz zu übernehmen. Damit war eine der gewiss traditionsreichsten Marken Europas endlich wieder daheim.

Karl Rudolf
















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