Klassiker

Angostura – eine Legende, die bitter beginnt
aus Ausgabe Drinks 2007 - 6



Man schreibt das Jahr 1824. In Neu-Mexiko herrscht Befreiungskampf. Und drückendes Tropenklima. Viele Kämpfer leiden. Ein deutscher Arzt experimentiert an einem Tonikum. Der Ort: ein Lazarett in Angostura. Dieser Name soll bald um die ganze Welt gehen. Denn der bittere Tropfen stärkt nicht bloß die Kranken. Er wird in der Folge auch zum kaum wegzudenkenden Klassiker, um Mixed Drinks zu vervollkommnen. Nur wer hätte das einst ahnen können?

Um Klassiker ranken sich immer Legenden, sonst würde ihnen etwas fehlen, um das Zeug zu haben, in aller Munde zu sein. Davon nimmt sich der Bitter Angostura nicht aus. Wagen wir so nochmals den Rückblick, um den wohl einzigen Bitter etwas besser zu verstehen, der nicht pur getrunken wird. Damals, wir befinden uns in den Wirren der Freiheitskriege von Simon Bolívar und mitten im tropischen Gelände, direkt am mächtigen, von Mücken umschwärmten Orinoco. Die Kämpfer sind schwach und geschüttelt vom Tropenfieber. Ein deutscher Arzt, der auf Wunsch Bolívars ein Lazarett am Ufer des Flusses errichtete, sucht ein Mittel gegen die matten Körper. Und er erinnert sich an die Mixturen der Mönche des Mittelalters, die mit Kräuter und Alkohol manch bittere, gleichwohl nützliche Medizin entwickelten. So experimentiert auch Johann Gottlieb Benjamin Siegert - damals waren die Namen halt halbe Stammbücher - an einen Tonikum aus den zahlreichen Kräutern, Rinden und Wurzeln der Tropen. Etwa vierzig Bestandteile besitzt es am Ende, als es erfolgreich wirkt. Vier Jahre lang soll der deutsche Arzt daran getüftelt haben.

Nehmen wir etwas Tempo auf in der Erzählung. Denn man ahnt es schon: Wieder einmal verrät niemand die Ingredienzien des Zaubertrankes. Es bleibt ein Mirakel. Einziger Hinweis: Das Original verwende keine Angosturarinde, wie man gerne vermutet, so die Hersteller. Folgen wir somit den Spuren, wie die bittere Medizin denn Eingang in die Bars findet. Das Tonikum bekommt den Namen des Erfinders: Siegert‘s Aromatic Bitter. Schnell sorgt das Mittelchen für Furore. Seefahrer sind es schließlich, die das duftig aromatische Konzentrat in der kleinen Flasche entdecken, um es dem fahlen Wasser oder rationierten Gin beizumischen. Siehe da! Die ersten Mixversuche. Hinter den Tresen der Bars gelangt es jedoch erst richtig durch die Prohibition. Das Zeug ist so bitter, dass es verschont wird und nicht auf dem strengen Index der evangelikalen Moralisten landet. Manche Verirrung im Gang der Geschichte besitzt so auch ihr Gutes.

Denn dies nutzen die findigen Bartender. Im illegalen Raum, hinter verschlossenen Türen, frisch aus der Apotheke besorgt, kreieren sie damit neue Drinks. Die Cocktailbücher dieser Zeit weisen die Zutat in rund einem Viertel aller Rezepte aus. So ist der Angostura Bitter fixer Bestandteil für einen trockenen Martini, wie es als Originalrezept im Savoy Cocktailbuch nachzulesen ist. Zu der Zeit befindet sich die Produktion des ursprünglichen Tonikums - inzwischen benannt nach dem Ort seiner Entdeckung und mit dem Zusatz Bitter versehen - längst auf der Insel vor der Orinoco-Mündung, dem heutigen Trinidad und Tobago. Von dort wird es heute von der Angostura Group in über 140 Länder exportiert. Gleichzeitig vertreibt das Haus einen Rum mit gleichem Namen.

Damit sind wir in der Gegenwart angekommen. Der Angostura Bitter gehört inzwischen zu den unverzichtbaren Zutaten, die in keiner anständigen Bar fehlen dürfen. Zwar haben sich weitere „Me too“-Produkte und andere Bitterextrakte platziert. Doch das Original ist eben das Original¬ - markant und unverkennbar in der 200ml Flasche mit dem Zeitungspapier als Einschlag. Und stets verschifft vom Port of Spain, dem karibischen Sitz der Destille. In der Bar sind die Rezepturen mit Angostura Bitter nicht mehr wegzudenken. Es gäbe keinen Manhattan, Martini, Gin Sour, Sazerac oder Florian (eine empfehlenswerte Variante des Whisky Sour!) ohne ihn. Allerdings braucht es dafür ein feines Händchen. Schnell ist ein Spritzer zu kräftig, noch schneller dominiert das kräftige Aroma des Produkts. Spätestens im Selbstversuch wird deutlich, warum dieser Bitter-Klassiker nie pur taugte.

Über seine Bestandteile lässt sich nur spekulieren. Wir testen selbst. Kardamom, möchte man meinen, ist sicher drin. Zimt und Gewürznelke meldet die Nase und ist sich doch keineswegs sicher. Intensiv Florales sagt der Kopf und gibt auf. Wir akzeptieren: Offenbar macht es der Mix aller Wurzeln und Kräuter, der diesen ganz eigenen ätherischen Duft und Geschmack erzeugt. Er wird übrigens genauso gerne in der feinen Küche verwendet. Salate lassen sich damit zart parfümieren, und Kuchen bekommen ein exotisches Aroma. Saucen und Fleisch verleiht es eine extravagante Note.

Und noch ein Übrigens ist angebracht. Denn selbst bei einer fast 200 Jahre alten Legende lässt sich Neues vermelden. Kaum glaublich, aber die Destille in Port of Spain hat sich entschieden, ein Schwesterprodukt auf den Markt zu bringen. Es verdankt sich wohl dem Trend unter den modernen Mixologen, nach alten Rezepturen aus früheren Cocktailkarten und Büchern zu kramen. Dort findet sich häufiger der Hinweis auf Bitterliköre aus Orangen. So gibt es nun einen Angostura Orange Bitter. Markenbotschafter Michael Perron, ein mit vielen internationalen Preisen dekorierter Barmann aus London, beschreibt das Produkt so: „Zuerst schmeckt man sanftes Orangen- und Geranienaroma. Die nächste Geschmacksebene erinnert an vollmundige, frische, süße Blutorangen mit würzigen Kardamom- und Koriandernoten. Dann folgt eine komplexere Ebene mit trockenem Bitterorangengeschmack.“

Für Perron steht außer Frage, dass die neue Version vielen Cocktails und Mixed Drinks einen frischen, anspruchsvollen Orangencharakter verleiht. Wem dafür die Fantasie fehlt, dem gibt er erste eigene Kreationen mit auf den Weg (siehe Kasten). Ob das jüngste Kind der Destille im gleichen Maße zur Legende aufsteigt, das wollen wir allerdings nicht schon vorab entscheiden. Überlassen wir diese Entscheidung den Barkeepern und Mixfreunden auf dieser Welt. Nur eines ist sicher: Der Name Angostura ist und bleibt unwiderruflich mit der Kultur- und Bargeschichte verbunden. Johann Gottlieb Benjamin Siegert sei Dank!

Heinfried Tackei










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