Klassiker

Die Geheimniskrämer von Cartagena
aus Ausgabe Drinks 2007 - 5

Ein spanisches Sprichwort warnt: „El que está des seso descubre cualquier secreta!“ Weil diesem Satz zufolge nur der Dumme jedes Geheimnis preisgibt, sagen die Hersteller des Licor 43 fast gar nichts. Gehen wir diesem „Goldstück” also ganz alleine auf den Grund.

Gestatten, dass wir zweifeln? Das Urrezept dieses aus 43 Ingredienzen (daher: cuarenta y tres, also 43 auf spanisch) werde „seit fast 2.000 Jahren streng gehütet”, sagen die Hersteller. Die alten Römer hätten dieses geheimnisvolle Getränk kennengelernt, als sie unter Publius Cornelius Scipio die Iberische Halbinsel eroberten und 206 v. Chr. „Quart Hadas”, das heutige Cartagena, unterwarfen. Also entweder wurde dieses Urrezept viel später in das heutige Rezept umgewandelt oder das aktuelle Original ist eine moderne Variante des Urrezepts. Warum wir zweifeln? Weil es zu Zeiten der ollen Römer in Europa noch gar keinen destillierten Alkohol gab! Es hat noch mehr als tausend Jahre gedauert, bis Iberer und andere Südeuropäer von den Mauren das Destillieren lernten und diese Erfahrung nutzten, um dem Wein seinen „Geist zu entlocken”. Was zu Zeiten des römischen Imperiums allerdings schon gern und häufig getrunken wurde, waren aromatisierte Weine. Und so etwas wirds wohl gewesen sein, was die Usurpatoren unter Scipio im heutigen Cartagena entdeckten und prompt verboten und vernichten ließen, weil die Verteidiger diesen „Zaubertrank” zur Stärkung einnahmen. Nutzte aber nichts, dieses Verbot. Die Eroberten stellten den Trunk weiter heimlich her, und irgendwann vor etwa zweitausend Jahren brachte es der als liquor mirabilis aus „Novo Carthago” sogar zu Berühmtheit und wurde exportiert.

Nun ist freilich das lateinische liquor nicht mit „Likör” zu übersetzen, es bedeutet schlicht „Flüssigkeit”. Und weil ohne destillierten Alkohol ein Likör im heutigen Sinne nicht möglich ist, kann der liquor mirabilis nicht der Stammvater des Licor 43 gewesen sein, allenfalls ein Vorbild, dessen Aroma und Farbe viel später nachgeahmt wurde unter Zuhilfenahme des dann verfügbaren destillierten Alkohols als Lösungsmittel für die Aromen. Zugegeben, eine gekonnte Nachahmung war das allemal.

Vergessen wir einmal die Römer, die alten. Es war Diego Zamora, der 1924 beschloss, die auf einer zweitausend Jahre alten Überlieferung basierende Rezeptur zu einem Markenprodukt zu machen. In Cartagena stellte damals eine kleine Brennerei den unmittelbaren Nachfolger der uralten regionalen Spezialität her. Diego Zamora führte diese Brennerei, und es lag ihm vieles daran, sie zu besitzen. Das schaffte er dann auch, und mit Hilfe seines Bruders Angel und seines Schwagers Emilio Restoy Godoy gründete er das Unternehmen, das heute als Diego Zamora firmiert.

Diego Zamora Conesa, so sein voller Name, führte auch neue Produktionsverfahren ein. Er brachte sowohl seine Firma als auch seinen Licor 43 auf die Straße, auf der es stetig aufwärts ging. Heute wird der Licor 43 in mehr als 60 Ländern verkauft, ist Spaniens meistverkaufter Likör und wächst zum Beispiel in Deutschland im achten Jahr in Folge zweistellig. Die Mixer tragen dazu sehr viel bei, vermutlich den Löwenanteil.

Ein Zipfelchen ihres Geheimnisses haben sie doch gelüftet, die überaus erfolgreichen Cartagener. Nichts als natürliche Zutaten kommen ihrem Cuarenty y Tres unter den Korken, vorwiegend solche der Mittelmeerregion Spaniens. Zitrus- und andere Früchte werden bestätigt. Auch bei der Nennung von Kräutern nicken Köpfe. Gewürze – auch klar. Vanille können sie nicht verleugnen, die ist sogar von sonst untauglichen Nasen auszumachen. Aber Näheres zu den Zutaten, einige Beispiele für die Früchte, die Kräuter, die Gewürze? „El que está …” und so weiter. Oder gar ein Wort zur Herstellung, undenkbar! Ein Blickchen hinter die Kulissen? Leider im Moment absolut nicht möglich! In modernen Anlagen werde der traditionsreiche Likör hergestellt. Das haben wir vermutet. Strengste Qualitätskontrollen seien Usus. Davon sind wir ausgegangen. Man möchte ob der Geheimniskrämerei das Handtuch werfen und ein anderes Produkt als Klassiker unter die Lupe nehmen, eine Marke, über die mehr zu erfahren wäre …

Aber erstens steht einem schon seit (okay, mindestens) 83 Jahren hergestellten Produkt der Titel Klassiker durchaus zu. Und zweitens ist dieser Licor 43 ein so „mixables” Produkt, dass man ihn nicht einmal dann ignorieren könnte, wenn man das im Ernst vorhätte. Zu mittlerweile acht ›Licor 43 Cocktail Competitions‹ ist eine Flut von Rezepten eingesandt worden, allein zur aktuel-len waren es mehr als 400. Ist auch kompatibel wie kaum ein anderer, der Cuarenta y Tres: Zu Hochprozentern aller Art passt er, zu anderen Likören, zu Säften – und zu Milch. Mit der geht er hitverdächtige Allianzen ein, für die Organisatoren der Competition bei Importeur Berentzen Grund genug, einen Sonderpreis fürs beste Rezept ›Licor 43 mit Milch‹ auszuloben.

Wir erwägen ebenfalls, einen Preis zu stiften. Den soll der bekommen, der die Geheimniskrämer von Cartagena zum Reden bringt. Denn ein bisschen mehr möchten wir schon wissen über diesen Klassiker.














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