Klassiker

Der Russe, den die Deutschen lieben
aus Ausgabe Drinks 2009/1

Es gibt Marken, mit deren Geschichte sich leicht viele Seiten füllen ließen. Es gibt auch Hersteller, die Interessierten so viele Blicke hinter die Kulissen ihrer Betriebe gestatten, dass sich mit dem Werdegang des Produkts wieder einige Seiten füllen ließen. Hingegen stochert der im Nebel, der den Moskovskaya vorstellen will. Dennoch ist KARL RUDOLF diesem Wodka auf der Spur geblieben.

Im kommenden Jahr ist Jubiläum. Dann wird der Moskovskaya genau vierzig Jahre auf dem deutschen Markt sein. Simex hat die Marke seinerzeit ins Land geholt. Erfahrung im Handel mit der damaligen Sowjetunion hatte die Jülicher Firma zu dieser Zeit bereits als Importeur des Krimsekts Krimskoye. Vermutlich hätte sich vor vierzig Jahren in diesem Importhaus niemand vorstellen können, dass dieser Wodka Moskovskaya einmal zum „Renner“ im deutschen Markt werden könnte.

Genau das aber ist er geworden. Die Marktforscher von Nielsen haben errechnet, dass bis zur 35. Kalenderwoche dieses Jahres im deutschen Lebensmitteleinzelhandel 1.614.000 Flaschen des Wodka Moskovskaya abgesetzt wurden, was einem Wachstum von 1,2 Prozent entspricht. Im Segment „Russischer Wodka“ hat diese Marke einen aktuellen Marktanteil von 51,1 Prozent – und das ist angesichts der Konkurrenz von Wodkas in höheren wie in niedrigeren Preisklassen eine beachtliche Position.

Der Journalist Viljam Pochlebkin, der in den 1970er Jahren von Parteigremien beauftragt wurde, die Geschichte des russischen Wodkas zu recherchieren, nannte den Moskovskaya Osobaya – übersetzt: Moskau Spezial – den einzig wirklichen russischen Wodka, da er „alle Kennzeichen eines wahren Wodka“ aufweise. Er spielte damit hauptsächlich auf den Roggen als Basis an. Das Getreide ist nach wie vor der einzige Rohstoff, als so genannte Rohfrucht und zu einem Teil auch als Roggenmalz. Pochlebkin hob außerdem hervor, dass dieser Wodka Moskovskaya keine geschmacksverändernden Komponenten wie Zucker enthalte. Das von ihm seinerzeit als weiteres Merkmal vermerkte „weiche Wasser aus den Flüssen um Moskau“ können wir heute freilich nicht mehr pauschal als charakteristischen Bestandteil sehen:

Wir erfahren nicht, wo der Moskovskaya hergestellt wird! Er ist ein Russe, gewiss, aber welche Brennerei in welcher Stadt diese Marke herstellt oder eben: welche Brennereien sie in welchen Städten erzeugen, weiß offenbar nur der Markeneigner. Und der gibt die Information anscheinend nicht weiter an die Importeure. Die – nun ja – etwas geheimnisvolle Situation des Moskovskaya (und vieler weiterer traditioneller Marken) ist eine der Folgen der  politischen und wirtschaftlichen Entwicklung im postsowjetischen Russland. In der UdSSR war der Wodka Moskovskaya – wie alle anderen Spirituosen auch – ein Produkt des Staatsunternehmens Sojus­plodoimport gewesen, das in verschiedenen Regionen des Landes seine Brennereien hatte. Als Russland, die Ukraine und Weißrussland am 8. Dezember 1991 die GUS, die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten gründeten (der sich zwei Wochen später mit Ausnahme Georgiens alle übrigen ehemaligen Sowjetrepub­liken anschlossen), war dies das Ende der Sowjetunion.

Das staatliche Alkoholmonopol wurde 1992 abgeschafft, aber im Jahr darauf wieder eingeführt. Und jetzt wird’s pikant: Der Chef des Staatsbetriebes Sojusplodo­import, Juri Shefler, verkaufte im Jahr 1997 die Rechte an knapp vier Dutzend der bedeutendsten Wodkamarken zum Spottpreis von 300.000 Euro – und zwar an sich selbst! Damit gehörte ihm neben der renommierten Marke Stolichnaya auch der Moskovskaya. Juri Shefler gründete nun in Moskau eine Firma, die er sinnigerweise Sojusplodimport nannte, und später in der Schweiz die Spirits Product International, kurz SPI-Group genannt. Der Coup machte weltweit Schlagzeigen, er beschäftigte Gerichte, brachte Anwälten in den USA und wo auch immer sonst noch viel Arbeit und fette Honorare.

Moskovskaya und andere Wodkas blieben dennoch bei SPI. Die Gruppe lässt weiterhin in Russland produzieren, füllt allerdings (zumindest einige Marken) in der lettischen Hauptstadt Riga ab, auch den Moskovskaya. Das ändert freilich nichts daran, dass er „von Geburt“ ein Russe ist, der Moskovskaya.

Das zu Ende gehende Jahr ist das zehnte, in dem Semper idem Underberg über seine zwei Töchter TeamSpirit und Diversa den nach wie vor von Simex importierten Moskovskaya nebst dessen Premium-Bruder Stolichnaya vertreibt. TeamSpirit etablierte den Moskovskaya bestens in der Gastronomie, wo er in den kleinen Betrieben als Russe nicht selten ein Solist ist. Aber auch in den Bars steht die Marke sehr gut da: An dem Mitte 2007 anhand von 290 Barkarten ermittelten Rang 3 hat sich nichts Wesentliches verändert: Nach Absolut und Smirnoff wird Moskovskaya als der dritte Wodka in den meisten Barkarten angeboten: Im inzwischen aktualisierten Archiv findet sich diese Marke in 146 der auf 240 (aktuellere) reduzierten schriftlichen Angeboten von mehrheitlich deutschen, aber auch einigen österreichischen Bars.

Moskovskaya steht nicht nur auf der Rangliste der in den Bars am häufigsten angebotenen Wodkamarken auf einem vorderen Platz, sondern auch auf jener der am häufigsten bestellten. Dafür ist zweifellos sein hoher Bekanntheitsgrad verantwortlich. Werbung in den Medien, die in der jüngsten Zeit noch erheblich verstärkt wurde, brachte den Markennamen ebenso in die Öffentlichkeit wie jene Tourenwagenrennen, bei denen Moskovskaya schon seit Jahren ein wichtiger Sponsor ist. „Den kennt nun mal jeder“, antwortete ein Barchef auf die Frage, warum er nach wie vor vergleichsweise viel Wodka dieser Marke verkaufe.

Die Konkurrenz in den Bars ist erheblich gestiegen für diese wie auch für die wenigen anderen etablierten Wodkamarken. Die mit „Premium“, „Super-Premium“, “Ultra-Premium“ und weiteren derartigen Superlativen bedachten Wodkas sind Gesprächsstoff in der Branche und beliebte „Aufhänger“ für Wodka-Berichte in den Medien unterschiedlichster Art. Eine „ganz normale Marke“ wie der Moskovskaya geht da leicht unter. Es wäre auch vermessen, diesen Wodka, der überall im Handel zu bekommen ist, auf eine Stufe zu stellen mit den relativ wenigen Marken seiner Gattung, die auf Grund ihrer Qualität, der limitierten Menge und des hohen Preises zu Recht „Premium“ genannt werden. Der Moskovskaya steht nicht in der Ober-, sondern in der Mittelklasse. Zweifellos ist er ein guter Wodka, mild am Gaumen und geschmacklich höchst zurückhaltend. Das prädestiniert ihn zum Mixen.

Als „Wodka der Mixer“, als Marke, die schon seit Jahren in einer Mehrheit aller Bars steht, als der beliebteste russische Wodka im hiesigen Markt und als Produkt, das schon seit vierzig Jah ren in Deutschland zu bekommen ist, darf dieser Wodka Moskovskaya gewiss ein Klassiker genannt werden. Dass über seiner Historie ebenso wie über seinen Herstellungsbetrieben ein Schleier aus Geheimniskrämerei festgezurrt ist, ändert nichts daran.














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